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1416 nahm die „Holigost“ an der Schlacht um Harfleur teil

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Baku, 20. Oktober, AZERTAC

Ein Blick 600 Jahre in die Vergangenheit: Mit Schallwellen möchten Archäologen ein im Schlamm vermutetes Kriegsschiff von Heinrich V. inspizieren. Die „Holigost“ aus Englands Flotte hatte die Franzosen das Fürchten gelehrt.

Wenn die „Holigost“ am Horizont auftauchte, bekamen es die Franzosen mit der Angst zu tun. Mit mehr als zwölf Metern Breite und über 30 Metern Länge war sie eines der vier großen Schiffe des englischen Königs Heinrich V. (1387-1422).

Bis zu 200 Seeleute manövrierten die 750-Tonnen-Festung. Sieben Kanonen starrten den französischen Feinden entgegen, über die Bordwand ragten dicht an dicht die Spitzen der Langbögen, Stangen und Eisenspeere von bis zu 240 Soldaten. Von diesem stolzen Schiff ist heute, 600 Jahre später, nicht viel mehr übrig als ein dunkler Schatten auf einer alten Luftbildaufnahme.

Doch das soll sich ändern. Die Denkmalschutzorganisation Historic England plant, die Überreste der „Holigost“ eingehend zu untersuchen - und so einen direkten Einblick in das Leben jener Flotte zu bekommen, die beinahe die englischen Besitzungen in Frankreich zurückerobert und damit England zu einer europäischen Kontinentalmacht erhoben hätte.

1416 nahm die „Holigost“ an der Schlacht um Harfleur teil, zu jener Zeit der wichtigste Hafen im Nordwesten Frankreichs. „Wir haben Berichte, dass französische oder genuesische Angreifer an Bord kamen und versuchten, die Taue durchzuschneiden, die den Mast hielten“, berichtet der britische Historiker Ian Friel.

Die Kanonen nutzten dem Schiff wenig. „Die meisten Seeschlachten jener Zeit unterschieden sich kaum von Landschlachten“, erklärt Friel. Die feindlichen Schiffe seien zusammengebunden worden und die Soldaten kämpften mit Pfeil und Bogen sowie mit Schwertern und anderen Handwaffen. Besonders gefürchtet aber waren die Gads - schwere Eisenspeere, die von einer Plattform am Mast herabgeschleudert wurden und sogar Metallrüstungen durchschlagen konnten.

Die ursprüngliche Entdeckung liegt schon eine Weile zurück. 1982 inspizierte der Historiker Friel eine Luftaufnahme der „Grace Dieu“, einem weiteren großen Schiff aus Heinrichs Flotte. „Als ich ganz genau hinsah, bemerkte ich eine weitere schiffsförmige Verfärbung im Boden, nur etwa 50 Meter neben der 'Grace Dieu'“, erzählt Friel.

Von beiden Schiffen weiß man, dass sie im Dock in Bursledon am Ufer des Flusses Hamble in der südenglischen Grafschaft Hampshire endeten. Lange Zeit fehlte das Geld für weitere Untersuchungen. 2001 konnte Hanna Steyne von der University of Southampton dann mit Hilfe von Sonar bestätigen, dass dort unter dem Schlamm ein großes, festes Objekt liegt.

Gut konserviert? - Im kommenden Jahr sollen nun weitere Sonaruntersuchungen und Luftaufnahmen sowie Holzuntersuchungen mehr Klarheit über den Zustand des Schiffes bringen. „Wieviel von ihr noch übrig ist, können wir im Moment nicht sagen“, gibt Friel zu. Doch der Historiker schätzt die Chancen, zumindest den Schiffsrumpf zu finden, ganz gut ein. "Die 'Holigost' lag zuletzt in einem Trockendock. Über 80 Arbeiter hatten fast zwei Monate lang gebraucht, um es auszuheben. Über 100 Baumstämme hielten das Schiff aufrecht. Daher hoffen wir, dass die 'Holigost' besser erhalten ist als die 'Grace Dieu', die verbrannte.“

Dass die Entdeckung des Schiffes 1982 nicht zu weiteren Ausgrabungen führte, mag vor allem an dem Trubel um eine rund 100 Jahre jüngere Karacke gelegen haben: der „Mary Rose“, Flaggschiff von Heinrich VIII. Mit der Bergung der „Mary Rose“ im Jahr 1982 begann das wohl spektakulärste Projekt der maritimen Archäologie Großbritanniens. Für das Schiff wurde eigens eine Halle und später ein ganzes Museum in Portsmouth gebaut, wo die Funde konserviert und ausgestellt werden.

Das Problem bei der Holzkonservierung ist, dass mit dem Kontakt zum Sauerstoff der Luft der sofortige Zerfall des fragilen Materials beginnt. Das Holz musste also feucht gehalten werden - was aber wiederum den Wuchs von Schimmelpilzen begünstigte. Um den zu stoppen, lagerte die „Mary Rose“ für die Zeit der Restaurierungsarbeiten bei ganz niedrigen Temperaturen.

Die Archäologen und Konservatoren konnten jahrelang nur mit Schal und Mütze arbeiten, wenn sie direkt mit dem Wrack zu tun hatten. Inzwischen ist das Wasser im Holz vollständig durch Polyethylenglykol ersetzt und die Mary Rose kann auch bei normalen Temperaturen besichtigt werden.

Zerstörerische Schwefelsäure - Mit Polyethylenglykol wurde auch die „Vasa“ konserviert, die einst ein Prachtstück in der Flotte des schwedischen Königs Gustav Adolf war. Sie sank allerdings auf ihrer Jungfernfahrt am 10. August 1628 kurz vor der Hafenausfahrt von Stockholm. Da sie bereits 1961 geborgen wurde und die Konservierungstechniken damals noch in den Kinderschuhen steckten, hat sie an der Luft deutlich mehr gelitten als die „Mary Rose“.

Außerdem haben sich durch die 333 Jahre lange Lagerung im stark verschmutzen Wasser des Stockholmer Hafenbeckens jede Menge Chemikalien im Holz abgesetzt. Deren Reaktionen mit dem Sauerstoff der Luft verursachen immer mehr Schäden im Holz. Im Jahr 2002 wurden schon rund zwei Tonnen Schwefelsäure im Rumpf der „Vasa“ gemessen, pro Jahr kommen schätzungsweise weitere 100 Kilogramm dazu.

Soweit also nicht plötzlich und unerwartet einige Millionen für die Restaurierung der „Holigost“ auftauchen, liegt sie derzeit an dem sichersten Ort, den es für sie geben kann: unter dem Grundwasserspiegel.

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