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80-Jährige tauchen ohne Atemgerät nach Schnecken

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Baku, den 2. November (AZERTAG). In Japan hat das Freitauchen eine Jahrtausende alte Tradition. Heute üben den Beruf meist nur noch 70 bis 80-Jährige Frauen aus. Den jüngeren ist die Jagd nach Delikatessen aus der Tiefe zu riskant.

Mieko Kitai holt tief Luft, als sie aus dem klaren, blauen Wasser an der japanischen Pazifikküste auftaucht. In der Hand hält die Mittsiebzigerin eine große Seeohr-Schnecke. Wie gut 2000 Frauen in der Region im Westen Japans verdient Kitai ihren Lebensunterhalt mit einem Jahrtausende alten Beruf.

Sie taucht ohne Atemgerät bis zu 20 Meter tief nach Meeresschnecken und anderen Delikatessen. Viele der meist älteren „Amas“ – „Frauen des Meeres“ – üben den Beruf schon seit Jahrzehnten aus. Doch der Ertrag fällt jedes Jahr geringer aus, und die Frauen haben Nachwuchssorgen.

„Ich habe endlich eine erwischt“, sagt Kitai, als sie an Bord klettert und die Tauchermaske vom Gesicht zieht. Mit dutzenden Freitaucherinnen hat sie sich an einem sonnigen Tag in Shima versammelt. Es geht laut zu, manche der Frauen haben Gehörschäden von dem hohen Druck in der Tiefe.

Ihre Masken reiben sie mit einer schleimigen Algenart ein, damit sie nicht beschlagen. Dann halten sie sich an den Händen und beten ein Shinto-Gebet für die, die beim Tauchen umgekommen sind. So starb eine 80-Jährige im vergangenen Jahr nach Angaben der Frauen an Herzversagen.

Bis zu einer Minute bleiben sie unten - Jede Ama trägt einen Bleigurt um die Taille. Bis zu einer Minute bleiben einige unten, bevor sie mit einer Schnecke oder einem Seeigel wieder an die Oberfläche kommen. „Früher konnte man bis zu 40 Seeohren täglich holen, heute gelten vier am Tag als guter Fang“, erzählt Taucherin Sumiko Nakagawa, das Gesicht gegerbt von Salzwasser und Sonne.

Wasserverschmutzung und Überfischung haben den Meeresfrüchten zugesetzt, die für viele der Frauen die Haupteinkommensquelle sind. Ein Kilogramm verkauft sich für umgerechnet rund 65 Euro.

In den vergangenen 40 Jahren ging die Population der auch Abalone genannten Schneckenart in Japan um 90 Prozent zurück. Inzwischen stammen die in Japan konsumierten Seeohren hauptsächlich aus Zuchtfarmen.

2011 setzten die Behörden Jungtiere ins Meer, um ihre Zahl aufzustocken. Sie untersagten auch den Gebrauch von Tauchflaschen und den Fang von Exemplaren unter 10,6 Zentimeter Länge – eine Größe, die sie normalerweise im Alter von fast zehn Jahren erreichen.

Freitauchen eine Frauendomäne - Ursprünglich war das Freitauchen eine Frauendomäne, weil angenommen wurde, dass sie mit kaltem Wasser besser zurecht kämen. Traditionell wurde oben ohne getaucht. Im James-Bond-Film „Man lebt nur zweimal“, in dem die Amas 1967 ihren berühmtesten Kinoauftritt haben, tragen die Schauspielerinnen beim Flirt mit Sean Connery jedoch knappe Bikini-Tops.

Inzwischen schrecken das geringe Einkommen und die hohen Risiken viele junge Leute ab, und die heute 70- bis 80-jährigen Taucherinnen fürchten, dass der Beruf mit ihnen sterben könnte.

„Am Anfang habe ich praktisch nichts verdient“, sagt die 37-jährige Satomi Yamamoto, während sie im Hafen mit den anderen Frauen Seeigel grillt. „Doch dann wurde ich besser und vier Jahre später verdiente ich rund 100.000 Yen (etwa 750 Euro) im Monat.“

Im Meeresmuseum von Toba sind Ausstellungsstücke aus der zehntausendjährigen Geschichte des Freitauchens zu sehen. Museumsdirektor Yoshitaka Ishihara kämpft für eine Aufnahme der Amas ins immaterielle UNESCO-Kulturerbe.

Wie die Seeohren müssten auch die traditionellen Taucherinnen geschützt werden, betont er: „Die ganze Welt muss sich ihrer Bedeutung bewusst werden.“

 

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