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Alle Symptome einer Vergiftung

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Baku, den 15. Juli (AZERTAG). Es passiert im Auto, auf dem Schiff, im Flugzeug: Fast jeder wird mal reisekrank. Ausgelöst wird die Übelkeit durch widersprüchliche Signale; der Körper reagiert wie vergiftet. Forscher rätseln, warum Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Manchmal wünschen sich Schiffsreisende nichts mehr als den Tod. „Ich musste die Leute schon mit Leinen am Schiff festbinden, weil sie sich von Bord stürzen wollten“, erzählt Christian Draja. Der 37-Jährige fuhr jahrelang als Berufsskipper mit Segelschiffen zur See, erlebte meterhohe Wellen und nicht enden wollende Stürme. Deshalb kennt der Seemann die zum Teil dramatischen Folgen der Seekrankheit.

Selbstmordgedanken sind nicht selten, Selbstaufgabe und völlige Verzweiflung ganz normal: „Auf der Biskaya wollte einer mit dem Rettungshubschrauber geborgen werden - um jeden Preis: '10.000 Euro? Ist mir scheißegal! Ich zahle alles.'“

Eine Schiffsreise kann den Körper ziemlich aus der Bahn werfen. Anfangs bemerken viele Passagiere die Seekrankheit nicht. Sie werden zunächst müde und lustlos. Dann folgen Schweißausbrüche - und erst später Übelkeit und Brechreiz. Die Seekranken können teilweise tagelang nichts essen oder trinken, ohne sofort wieder „die Fische zu füttern“.

Widersprüchliche Signale ans Hirn - Seekrankheit, Flugkrankheit, Übelkeit im Auto oder in der Bahn und sogar die Übelkeit im Kino haben den gleichen Ursprung. Der Grund für Reisekrankheit ist nicht nur das ungewohnte Auf und Ab auf einem Schiff, sondern eine Verwirrtheit des Gehirns, das von den Sinnesorganen unterschiedliche Informationen über die Bewegung erhält.

„Wir haben drei Systeme, die uns über die Bewegung des eigenen Körpers im Raum informieren“, erklärt der Mediziner Frank Schmäl aus Greven bei Münster. „Die Augen, das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und das sogenannte propriozeptive System, unter anderem Druckrezeptoren an der Fußsohle oder Sensoren in der Haut, die zum Beispiel den Luftzug einer Bewegung spüren.“ Liefern alle drei Systeme die gleiche Information an das Gehirn, ist alles in Ordnung. Erhält das Hirn aber widersprüchliche Signale, schaltet es auf Alarmbereitschaft.

„Ganz schlimm für Reisekrankheiten ist zum Beispiel Autofahren im Stau“, sagt Schmäl. „Wenn man dabei auf dem Beifahrersitz liest, nimmt das Auge das ständige Anfahren und Abbremsen nicht wahr. Es meldet Stillstand, während die anderen Systeme dem Hirn sagen: Wir sind in Bewegung.“ Und das führt zu Verwirrung in der Schaltzentrale.

Babys sind meist immun - Schmäl leitet die Schwindelambulanz im HNO-Zentrum Münsterland und erforscht die Reisekrankheit seit Jahren. Frauen hätten ein höheres Risiko als Männer, schreibt Schmäl in der Fachzeitschrift „Pharmacology“. Besonders oft kämpfen Kinder zwischen zwei und zwölf Jahren mit der Übelkeit, Babys und Menschen über 50 werden hingegen nur sehr selten reisekrank, berichtet der Forscher in seiner Übersichtsstudie.

Bei Babys sei der Gleichgewichtssinn noch nicht vollständig ausgeprägt. Sinneskonflikte sind in diesem Stadium also alltäglich und werden vom Gehirn nicht als Bedrohung wahrgenommen. Menschen über 50 profitieren dagegen in der Regel vom Alterungsprozess. Mit den Jahren bilden sich im Innenohr unter anderem die Otolithen zurück. Diese kleinen Kristalle ermöglichen es dem Gleichgewichtsorgan, Schwerkraft und Beschleunigung zu registrieren. Ist die Wahrnehmung nicht mehr so fein, sinkt das Risiko für die Reisekrankheit.

Warum Frauen so anfällig sind, ist laut Schmäl allerdings noch ein Rätsel. Zwar hätten manche Forscher einen Zusammenhang zwischen dem weiblichen Hormonhaushalt und der Anfälligkeit für die Reisekrankheit entdeckt. Andere Mediziner fanden jedoch keinen Einfluss der verschiedenen Stadien des weiblichen Zyklus auf die Ausprägung der Krankheit.

Reaktion wie auf Gift - Statistisch haben etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ein erhöhtes Risiko für die Reisekrankheit, fünf bis fünfzehn Prozent sind hingegen unempfindlich. Laut Schmäl werden neun von zehn Menschen in den Industrieländern mindestens einmal im Leben reisekrank.

Warum reagiert das Gehirn auf widersprüchliche Informationen der Sinnesorgane mit Übelkeit und Erbrechen? Mediziner gehen derzeit von einer Vergiftungstheorie aus: „Der Körper agiert so, als wenn er vergiftet worden wäre, und wehrt sich dagegen“, erklärt Schmäl. Streng genommen ist die Reisekrankheit deshalb auch keine Krankheit, sondern ein Schutzmechanismus des Körpers.

„Bei einer Vergiftung will der Körper giftige Stoffe aus dem Magen herausbekommen - daher Übelkeit und Erbrechen. Mit einem schnelleren Herzschlag und Schweißausbrüchen versucht der Organismus außerdem, das Blut von Giftstoffen zu reinigen.“

 

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