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Archäologen suchen jetzt nach Spuren einer vergessenen Tragödie

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Baku, 22. Juni, AZERTAC 

Am 29. Januar 1863, inmitten des amerikanischen Bürgerkriegs, fielen Soldaten über ein Camp von Schoschonen her, Hunderte Menschen starben. Gemeinsam mit Nachfahren suchen Archäologen jetzt nach Spuren einer vergessenen Tragödie.

Was ist noch übrig nach 150 Jahren an einem Ort, an dem fast 250 Menschen brutal ermordet wurden? An dem Männer erschossen, Frauen vergewaltigt und kleine Kindern getötet wurden? An der Oberfläche finden sich keine Spuren. Durch die Senke des Bear River im US-Bundesstaat Idaho laufen heute moderne Verkehrswege: eine Schmalspurbahn, ein Kanal, ein Highway. An diesem Ort sucht Ken Cannon von der Ausgrabungsfirma USU Archaeological Services nach den Spuren eines der größten Massaker an den Ureinwohnern Nordamerikas. Es geschah am 29. Januar 1863, verübt durch kalifornische Soldaten.

Soldaten wollten nach Potomac - In den Schulbüchern taucht das Massaker vom Bear River so gut wie nie auf. Denn in den Jahren zwischen 1861 und 1865 drehte sich die amerikanische Geschichte um Ereignisse weit im Osten: den Bürgerkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten. Auch die kalifornischen Soldaten fieberten dem großen Krieg entgegen. Sie hatten sogar angeboten, auf einen Teil ihres Solds zu verzichten, um damit ihre Verlegung an die Ostküste zu finanzieren. Sie würden das Geld gern hergeben, schrieben sie, „für das Privileg, an den Potomac gehen zu dürfen und dort erschossen zu werden“.

Stattdessen aber schickte man sie ins große Nichts des damaligen südöstlichen Washington Territory, dort wo heute die Staaten Utah und Idaho aneinandergrenzen. Die Soldaten sollten die Trails nach Westen offen halten und vor den zunehmenden Übergriffen der Schoschonen schützen.

Geophysikalische Signale - Der Morgen des 29. Januars 1863 war einer der kältesten jenes Winters. Die Temperaturen lagen bei minus 30 Grad Celsius - in der Nacht zuvor war es so kalt gewesen, dass den Soldaten angeblich der Whiskey in den Flaschen gefror. Rund 200 Männer zogen unter dem Befehl von Colonel Patrick Connor zum Wintercamp der Schoschonen. Zunächst erwiderten die Indianer das Feuer - doch der kleine Vorrat an Munition für ihre veralteten Gewehre ging schnell zu Ende. Die Soldaten fielen in das Camp ein.

Tragödie für alle sichtbar machen - Einige Schoschonen versuchten zu fliehen, doch sie ertranken im eiskalten Bear River. Wie viele von ihnen ums Leben kamen, hat niemand zählen können. Conner schätzte, dass seine Männer von rund 300 Kriegern 224 getötet hatten. Der Augenzeuge Hans Jasperson berichtet in seiner Autobiografie, dass er nach dem Massaker durch das verwüstete Lager ging und 493 tote Schoschonen zählte. Die offizielle Zählung geht heute von 246 Toten auf Seiten der Schoschonen und 21 getöteten Soldaten aus.

Cannon begann seine Spurensuche auf drei alten Karten. Darauf entdeckte er den ehemaligen Lauf des kleinen Baches, an dem das Wintercamp lag. An der vielversprechendsten Stelle verfeinerte er die Suche mit Bodenradar und Metalldetektoren. Munitionsfunde verschiedener Kaliber bestätigen. Die Archäologen hatten die richtige Stelle gefunden.

„Wir gehen vor allem aber davon aus, dass die Wohnzelte ein geophysikalisches Signal hinterlassen haben“, vermutet er. „Sie hatten eine Feuerstelle in der Mitte, Steinsetzungen, um die Planen am Boden zu halten - und sie alle wurden verbrannt, auch das hinterlässt geophysikalische Spuren.“ Eine erste Auswertung der Messungen sei vielversprechend.

„Wir versuchen jetzt, weitere Mittel für Ausgrabungen zu bekommen.“ Bisher wurden die Arbeiten von der Idaho State Historical Society finanziert. Auch die Nachfahren der überlebenden Schoschonen sind bei der Ausgrabung mit dabei. „Wir arbeiten eng mit ihnen zusammen“, sagt Cannon. „Wenn wir die Standorte der Wohnzelte finden, können wir die Tragödie ihres Volkes für die heutige Öffentlichkeit sichtbar machen.“

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