WELT


Bei „Orangenschlacht“ in Italien über 70 Teilnehmer verletzt

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Rom, 9. Februar, AZERTAC

Wer noch nie beim Carnevale D’Ivrea in Italien war, für den sieht das wohl eher aus wie ein Sketch von Monty Python und nicht wie eine jahrhundertealte Tradition, die an den Sturz eines Tyrannen erinnern soll. Circa 7.000 Leute haben dieses Jahr an der „Orangenschlacht“ im kleinen Städtchen im italienischen Piemont teilgenommen—mit zum Teil fatalen Folgen.

Über 70 Teilnehmer wurden bei der Essensschlacht verletzt. Das überrascht eigentlich nicht, denn das einzige Ziel ist es, die Gegner regelrecht mit Orangensalven zu befeuern. Außerdem hat übermäßiger Weinkonsum zusätzlich 28 Karnevalswütige außer Gefecht gesetzt, darunter angeblich auch einen 12-Jährigen, der sich ins Koma getrunken haben soll.

Neben den teils drastischen Folgen für die Teilnehmer verändert sich durch den Karneval auch das Stadtbild drastisch: Am Ende der Faschingsfeier, der größten Essensschlacht in ganz Italien, sind die einst pittoresken Straßen von Ivrea mit einer Mischung aus Orangenfleisch, Blut und Pferdemist bedeckt.

Mit den Feierlichkeiten in Ivrea wird die Karnevalszeit in Italien eingeläutet. Überlieferungen zufolge soll dabei an den Sturz eines mittelalterlichen Barons erinnert werden. Der despotische Herrscher entstammte wohl entweder der Familie Ranieri oder seine Figur wurde aus Ranieri di Biandrate, der im 12. Jahrhundert lebte, und dem Markgrafen von Montferrat, Wilhelm VII., der im 13. Jahrhundert lebte, zusammengedacht. Der Legende nach haben die Einwohner von Ivrea, die eporediesi, den Tod des Bösewichts gebührend gefeiert und mit Konfetti und Bohnen um sich geworfen. Im 19. Jahrhundert wurde die Tradition dann etwas abgewandelt: Einige Frauen haben von ihren Balkonen aus Orangen in die Masse geworfen, um ihre Verehrer zu umwerben.

Wann die eporediesi angefangen haben, mittelalterliche Kostüme zu tragen, ist nicht ganz klar. Möglicherweise ist es aber eine Anspielung auf die Stadtgeschichte: Ivrea war ein Haltepunkt auf der Via Francigena, einem historischen Pilgerweg.

Die Organisatoren gaben an, dass es dieses Jahr allein 16.000 Zuschauer gab und 7.000 aktive Teilnehmer, die eine Ticket für gut acht Euro gekauft haben. Die Orangen für diese epochale Schlacht werden aus Sizilien geliefert, wo sie eigentlich zu Saft verarbeitet werden sollten.

Falls das noch nicht ganz klar sein sollte: Die dreitätige Karnevalsfeier ist ein ziemlich großes Ding in der norditalienischen Stadt. Ein Spieleentwickler aus Ivrea hat sogar ein Videospiel zur Essenschlacht herausgebracht: Orange Battle.

In Italien gibt es also keine Kamelle, stattdessen feuert man sich einfach Orangen an den Kopf. Gut, das ist, wie die Zahlen dieses Jahr zeigen, nicht ganz ungefährlich, immerhin kann man entweder durch Apfelsinen oder Glühwein außer Gefecht gesetzt werden. Aber dafür kann man sich eine ordentliche Schlacht im Mittelalterkostüm liefern.

Magsud Dadaschov, AZERTAC

Rom

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