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Bei den Kindern kamen falsche Erinnerungen deutlich seltener vor

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Baku, den 8. Februar (AZERTAG). Das Gedächtnis von Menschen ist so gut, weil die Sprache beim Erinnern hilft. Ein Prozess dabei ist dafür verantwortlich, dass sich Erwachsene mehr merken als Kinder – aber auch mehr Fehler machen.

Erinnerungen haben, wie die Menschen, denen sie gehören, ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen. Dass das menschliche Gedächtnis einerseits so präzise und detailreich sein kann und andererseits äußerst fehleranfällig, liegt vor allem daran, dass wir sprechen können. Denn wenn uns jemand an ein vergangenes Ereignis erinnert, tut er das in der Regel mit Worten.

Das Gehirn schickt diese Informationen in die Abteilung für Sprachverarbeitung und in das Gedächtniszentrum, den Hippocampus. Gibt es dort eine Übereinstimmung zwischen den gehörten und den gespeicherten Wörtern, glaubt man, sich zu erinnern. Wenn also ein Zeuge vor Gericht gefragt wird: „Stand die Ampel denn auf Rot?“ dann wird die Anfrage nach „rote Ampel?“ an den Hippocampus gestellt und die Antwort abgewartet.

Dieser schnelle Abgleich ist eine tolle Erfindung der Natur, weil er unten den vielen gespeicherten Erinnerungen rasch die richtige aufspüren kann. Er hat aber auch seine Tücken. Denn zu jedem Wort gehört ein Sinneseindruck, und der Abruf des Wortes führt dazu, dass zwangsläufig auch das Bild mit auftaucht. Die Frage nach einer roten Ampel führt also unweigerlich zum Bild einer roten Ampel vor dem geistigen Auge.

Nicht immer kann das Gehirn dann zuverlässig unterscheiden, ob diese rote Ampel wirklich zu einer Erinnerung gehört – oder nur durch die Nennung des Wortes erscheint. Wie der Neurowissenschaftler Kepa Paz-Alonso im „Journal of the International Neuropsychological Society“ nun schreibt, scheinen Erwachsene für diese falschen Erinnerungen offenbar weitaus anfälliger zu sein als Kinder.

Der Forscher hatte bei Kindern im Alter von acht bis neun Jahren und bei Erwachsenen mithilfe des Magnetresonanztomografen untersucht, wie effizient der Abgleich zwischen Wortnennung und Worterkennung im Gehirn funktionierte. Das Ergebnis: Bei Erwachsenen geht es aufgrund ihrer jahrelangen Erfahrung schneller und besser – und davon profitiert ihr Gedächtnis enorm.

Die Kehrseite der Medaille aber, so der Forscher, seien zugleich deutlich mehr falsche Erinnerungen bei Erwachsenen. „Tatsächlich sind für die falschen Erinnerungen die gleiche Prozesse verantwortlich, die auch dafür verantwortlich sind, dass das Gedächtnis von gesunden Erwachsenen so viel besser ist“, sagt er. Paz-Alonso machte noch einen weiteren Test, um zu sehen, ob der Effekt tatsächlich durch die Erfahrung zustande kam, oder ob bei den Kindern noch etwas anderes grundlegend anders funktionierte.

Er untersuchte den Wortabgleich auch bei Erwachsenen, die die Diagnose Schizophrenie bekommen hatten. Zu den Symptomen bei dieser psychischen Erkrankung gehören unter anderem Denkstörungen, die sich zum Beispiel in sehr losen und für andere unzusammenhängenden Assoziationen zeigen.

Auch die Worterkennung, so die Vermutung des Wissenschaftlers, sollte bei ihnen also nicht ganz reibungslos funktionieren. Das bestätigte sich: Die Versuchspersonen hatten zwar ein deutlich schlechteres Erinnerungsvermögen als gesunde Erwachsene – aber wie bei den Kindern kamen falsche Erinnerungen bei ihnen deutlich seltener vor.

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