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Bergung der radioaktiven Brennstäbe aus dem Katastrophenreaktor von Fukushima

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Baku, den 21. November (AZERTAG). Luftaufnahmen zeigen erstmals den Abtransport von Brennstäben in einem castorähnlichen Behälter aus dem Reaktorblock 4 der Atomruine von Fukushima. Experten warnen vor unkalkulierbaren Risiken.

Es ist eine risikoreiche Operation. Die Bergung der radioaktiven Brennstäbe aus dem Katastrophenreaktor von Fukushima. Die Betreiberfirma Tepco hat eigens zu diesem Zweck eine massive Stahlkonstruktion mit einem ferngesteuerten Kran an dem beschädigten Reaktorgebäude errichten lassen, um die Brennstäbe herauszuholen und mit Hilfe eines 91 Tonnen schweren Behälters umzulagern.

Luftaufnahmen zeigen nun erstmals, wie Brennelemente aus der Atomruine abtransportiert werden. Zu sehen sind Arbeiter in Schutzanzügen vor einem Tieflader mit einem castorähnlichen Behälter, in dem die gefährliche Fracht zu einem rund einhundert Meter entfernten Becken gebracht wird. Laut Tepco sind dort die Brennstäbe sicherer als bisher.

Block 4 war im März 2011 nicht am Netz, als ein Erdbeben und ein anschließender Tsunami das Atomkraftwerk stark beschädigten. Anders als in den Blöcken 1 bis 3 kam es dort nicht zur Kernschmelze, wohl aber zu einer Wasserstoffexplosion. Die 1533 Brennelemente des Reaktors 4 lagerten danach weiter in einem Kühlbecken im Gebäude.

Sie müssen allerdings schnellstens aus der Atomruine entfernt werden, weil die beschädigte Anlage im Falle eines weiteren Erdbebens leicht einstürzen könnte. Ein Brennstab wiegt rund 300 Kilogramm und ist viereinhalb Meter lang.

Experten zufolge ist dies die schwierigste und gefährlichste Aufgabe, seitdem das Kraftwerk vor zwei Jahren nach Erdbeben und Tsunami nach und nach wieder unter Kontrolle gebracht worden war. Brennelemente - oder die Brennstäbe, aus denen sie bestehen - könnten bei der Bergung beschädigt werden oder aufbrechen, wenn sie abstürzen oder stark erschüttert werden sollten.

Zudem könnte es Probleme beim Entfernen aus dem bisherigen Lager geben. Denn die Brennelemente oder ihre Halterungen könnten während der Explosionen 2011 beschädigt worden sein. Außerdem könnten Brennstäbe durch Meerwasser korrodiert sein, das nach der Katastrophe zum Kühlen genutzt wurde.

„Gefährlichste Moment für die Menschheit“ - Kernkraftgegner warnen, die Hunderte von Tonnen Brennstoff könnten das Tausendfache an Strahlung der Atombombe von Hiroshima freisetzen. Für den US-Anti-Atom-Aktivisten Harvey Wasserman ist es sogar der „gefährlichste Moment für die Menschheit“ seit dem drohenden Atomkrieg während der Kuba-Krise zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion. In dem Becken befänden sich rund 400 Tonnen Brennstoff, die mehr als das 15.000-Fache an Radioaktivität der Atombombe von Hiroshima freisetzen könnten.

Experten halten solche Horrorszenarien für übertrieben und verweisen darauf, dass seit Beginn der Katastrophe fast drei Jahre vergangen und die Brennstäbe in dem Becken inzwischen deutlich abgekühlt seien. Tepco bezeichnet das Risiko ebenfalls als gering, selbst wenn ein Brennelement oder Transportbehälter auf den Boden fallen sollte. Der Umkreis des Kraftwerks sei ohnehin unbewohnt. Wer sich dennoch in der Nähe aufhalte, soll im Notfall per Funk gewarnt werden.

Damit während der Bergungsarbeiten keine Radioaktivität nach außen gelangt, hat Tepco das Gebäude abgedeckt. Man habe „alle möglichen“ Sicherheitsmaßnahmen getroffen, versicherte Tepco-Chef Naomi Hirose.

Neuer Austritt von Radioaktivität befürchtet - Kritiker sind jedoch angesichts immer wieder auftretener Pannen wie Lecks in Tanks mit hochgradig verseuchtem Wasser von den Fähigkeiten Tepcos nicht überzeugt. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace äußerte die Befürchtung, dass Tepco nicht in der Lage sein könnte, die gefährliche Operation unfallfrei über die Bühne zu bringen. Bei Pfusch könnten „Arbeiter hohen Strahlendosen ausgesetzt werden und im schlimmsten Fall könnte es zu einem massiven neuen Austritt von Radioaktivität in die Atmosphäre kommen“.

Nach der Entfernung der Brennstäbe in Block 4 stehen ähnliche Räumungsarbeiten in den Reaktorblöcken 1 bis 3 an, wo die Zerstörung größer und die Strahlung höher ist. Insgesamt geht es um 3106 Brennelemente mit jeweils 60 bis 80 Brennstäben.

Nach dem Tepco-Zeitplan soll der Abtransport aus Block 3 frühestens 2015 anfangen, aus den Blöcken 1 und 2 dann 2017. Erst 2020 könnte dann die Bergung von Trümmern des einstigen Atomkraftwerks beginnen.

Die Blöcke 5 und 6, die während der Katastrophe 2011 nicht liefen, wurden danach regulär heruntergefahren und sollen ebenfalls endgültig außer Betrieb genommen werden. Der Atomunfall von Fukushima gilt zusammen mit dem in Tschernobyl 1986 als schlimmster in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernkraft.

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