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Brasilien setzt Mücken mit Selbstmord-Gen aus

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Baku, den 24. Juni (AZERTAG). Gentechnisch veränderte Mücken sollen in Brasilien das tückische Denguefieber bekämpfen. Eine neue Form der Schädlingsbekämpfung könnte eines Tages auch Fruchtfliegen den Garaus machen.

In vielen brasilianischen Städten ist es ein regelmäßiges Ritual, dem niemand mehr besondere Aufmerksamkeit schenkt. Ein Mann mit Mundschutz betritt das Haus und versprüht Pestizide aus seiner Motorspritze. Er kämpft gegen Mücken, die mit ihrem Stich zahlreiche Krankheiten übertragen – vor allem das Denguefieber. Ein feiner Nebel liegt in der Luft. Der Mann wird bald wiederkommen, denn die Mücken tun es auch.

„Mücken sind gefährliche Tiere“, sagt Simon Warner. Jedes Jahr sterben nach Berechnungen der Bill-Gates-Stiftung etwa 725.000 Menschen an den Folgen eines Mückenstichs. Simon Warner ist Forschungsleiter bei der britischen Gentechnik-Firma Oxitec. Sein Unternehmen hat für den Kampf gegen die Mücken eine besondere Waffe entwickelt: gentechnisch veränderte Mückenmännchen.

Sie sollen sich mit den wild lebenden Weibchen paaren. Der Nachwuchs erhält dann ein todbringendes Gen der Männchen und stirbt noch im Larvenstadium ab. Diese Hightech-Insekten stehen in Brasilien kurz vor der Zulassung durch die Behörden.

Keine Medikamente gegen das Fieber - Simon Warner kennt die Situation in Brasilien. Dort hat Oxitec in Freilufttests bereits mehrere Millionen Mücken für den Kampf gegen Denguefieber ausgesetzt. Eine Infektionskrankheit, bei der die Betroffenen tagelanges Fieber bekommen und heftige Muskelschmerzen erleiden können. Etwa zwei Prozent erleben den schweren Verlauf des Denguefiebers mit lebensgefährlichen Komplikationen wie Blutungen, die oft tödlich sind. Gegen das Fieber helfen keine Medikamente. An einem Impfstoff wird geforscht – doch es ist nicht klar, ob er wirksam ist. Deshalb richtet sich der Kampf gegen die Mücken.

Denguefieber ist in vielen Städten Brasiliens verbreitet und bedroht auch die Fußballfans bei der Weltmeisterschaft. Rund sieben Millionen Denguefieberfälle wurden in Brasilien seit dem Jahr 2000 registriert, kaum ein anderes Land der Welt ist so stark von der Virusinfektion betroffen. Die WM-Spielorte Natal, Salvador, Recife und Fortaleza liegen sogar in Regionen mit besonders hohem Risiko. Die brasilianischen Behörden kündigten an, in Flughäfen, Trainingszentren und Mannschaftshotels massiv Insektenvernichtungsmittel einzusetzen.

Für die Giftspritze steht eine Alternative zur Verfügung. „Unser Konzept funktioniert, wenn die Mücken über Monate immer wieder ausgesetzt werden“, schildert Simon Warner die Ergebnisse der Tests. Die Zahl der Mücken in der brasilianischen Kleinstadt Juazeiro sei durch die Genmücken um mehr als 95 Prozent zurückgegangen. Und wenn es keine Mücken gibt, können auch keine Krankheiten übertragen werden.

Brasilien ermöglicht Zulassung – „Die brasilianischen Kontrollbehörden haben im April unsere Mücken nach zahlreichen Sicherheitstests als für die Natur unbedenklich eingestuft“, berichtet Warner. Es habe viele Tests zur Umweltverträglichkeit der neuen Technologie gegeben – Fressstudien, bei denen Larven der Genmücken an Fische verfüttert wurden, andere Insekten oder Spinnen fraßen Genmücken. Sie alle seien ohne Auffälligkeiten verlaufen. Jetzt fehlt nur noch die Genehmigung des Ministeriums.

„Wir haben mit Brasilien begonnen, weil es dort Vorschriften gab, die eine Zulassung ermöglichen“, erklärt Simon Warner, „in vielen Ländern, in denen Denguefieber verbreitet ist, fehlt so etwas.“

Die Mücke von Oxitec gehört zur Art Aedes aegypti, die mittlerweile in mehr als 100 Ländern beheimatet ist. Diese Mücken reisen gern als blinder Passagier in Flugzeugen, Schiffen, Autos und mit den Warenströmen. Für den Menschen gefährlicher ist nur noch die Anopheles-Mücke, deren Stich Malaria auslösen kann – eine Tropenkrankheit an der jährlich mehr als 600.000 Menschen sterben.

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