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Britische Mediziner überprüfen gesamtes Embryonen-Erbgut

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Baku, den 8. Juli (AZERTAG). Die Erfolgsquote bei der künstlichen Befruchtung ist noch immer gering. Britische Ärzte wollen jetzt durch eine verbesserte Erbgutanalyse die Chancen für Paare mit Kinderwunsch erhöhen. Deutsche Experten sind skeptisch.

Wenn ein Paar versucht, mit Hilfe einer künstlichen Befruchtung ein Kind zu bekommen, muss es sich oft auf einen langwierigen Prozess einstellen. Denn in der Regel klappt es bei der ersten In-vitro-Fertilisation (IVF) nicht. Nach Angaben des Deutschen IVF-Registers fürs Jahr 2011 führten lediglich 36 Prozent aller Embryotransfers nach einer konventionellen IVF zu einer Schwangerschaft.

Britische Mediziner berichten nun, dass sie diese Quote möglicherweise verbessern können - mit einer neuen Form der Präimplantationsdiagnostik (PID). Das Team um Dagan Wells von der University of Oxford nutzte dafür eine relativ schnelle und günstige Methode der Erbgutanalyse, das sogenannte Next Generation Sequencing (NGS), mit dem sie das gesamte Erbgut untersuchen.

Auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Human-Reproduktion und Embryologie (ESHRE) in London berichtet Wells, dass das erste gesunde Kind, bei dem sie die Methode angewendet hätten, bereits auf der Welt sei. Eine zweite Frau sei derzeit schwanger. Die Forscher untersuchten das Erbgut von insgesamt sieben Embryonen der beiden Paare, jeweils einen pflanzten sie den Frauen ein.

Defekte entdecken, die zu Fehlgeburten führen – „Viele bei der IVF erzeugten Embryonen haben keine Chance, sich zu einem Baby zu entwickeln, weil sie tödliche Gendefekte tragen“, sagt Wells. NGS erhöhe die Chance, diese Defekte zu entdecken.

Da Wells bisher nur von diesen Einzelfällen berichtet und keine größere Studie vorliegt, sind deutsche Experten jedoch skeptisch, ob NGS wirklich die Chance auf eine Schwangerschaft erhöht.

Laut Wells ist die Untersuchung binnen 16 Stunden abgeschlossen. Das sei ein weiterer Vorteil, da die Embryonen nicht eingefroren werden müssten. Außerdem ist die Methode nach Aussage von Wells deutlich günstiger als bisher angewandte Techniken.

Bei der künstlichen Befruchtung werden Eizellen außerhalb des Körpers mit Sperma zusammengebracht. Der daraus entstehende Embryo wird wieder in den Mutterleib eingepflanzt. Oft setzen Mediziner Frauen auch zwei oder drei Embryonen ein, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen - dies führt dann wiederum häufig zu Mehrlingssschwangerschaften. Bei der PID untersuchen Mediziner die Embryonen, bevor sie diese der Frau einpflanzen.

Das von Wells vorgestellte Verfahren soll in einer größer angelegten klinischen Studie getestet werden, die noch dieses Jahr beginnen wird. Erst in einer Vergleichsstudie könne der Beweis erbracht werden, dass die Methode tatsächlich Verbesserungen bringt, sagt auch Klaus Diedrich, Vorsitzender der PID-Kommission bei der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Im aktuellen Fall der britischen Mediziner waren es Einzelbeobachtungen, aber keine Beweise.“

Es habe bereits mit dem Aneuploidie-Screening eine PID-Form gegeben, bei der Chromosomen untersucht wurden, berichtete Diedrich. Allerdings seien in diesem Fall nur fünf bis sechs Chromosomen analysiert worden. "Die Schwangerschaftsrate hat sich hierdurch nicht verbessert“, sagt der Experte.

Dass die britische Methode in Deutschland eingeführt wird, hält Diedrich für unwahrscheinlich. Erst seit diesem Jahr ist hier nach jahrelangem politischen und ethischen Streit der Weg für die PID rechtlich frei. Doch nur Paare mit problematischen Genanlagen dürfen ihre Embryonen aus dem Reagenzglas mit Gentests auf schwere Defekte untersuchen lassen. „In Großbritannien wurde das Screening nur auf Verdacht durchgeführt, das ist in Deutschland nicht denkbar“, sagt Diedrich.

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