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Das Rezept für die perfekte Forschungsarbeit

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Baku, den 26. Oktober (AZERTAG). Der Motor der Wissenschaft ist die Suche nach neuem Wissen. Doch zu viel davon ist auch nicht gut - zumindest nicht, wenn die Innovation in der Fachwelt Anerkennung finden soll. Die Auswertung von Millionen Studien hat ergeben. Neues verbreitet sich am besten, wenn es in Altes verpackt wird.

Sie haben eine bahnbrechende, zukunftsweisende Idee? Sie glauben, Sie können Ihr Fachgebiet revolutionieren? Vorsicht: Das klappt selbst in der Forschung nur, wenn Sie Ihre neue Erkenntnis geschickt verpacken - in altes Wissen.

Zu diesem Ergebnis kommen jetzt Wissenschaftler von der Kellogg School of Management in Evanston (US-Bundesstaat Illinois). Ihre Analyse von fast 18 Millionen Studien zeigt. Die einflussreichsten Arbeiten enthalten zwar einen neuen, extrem innovativen Ansatz. Doch der mache nur einen kleinen Teil der Arbeit aus. Der Rest basiere überwiegend auf etabliertem Wissen und bereits bekannten Zusammenhängen. Um Erfolg zu haben, müssen Forscher die richtige Balance zwischen Alt und Neu finden, schreibt das Team um den Soziologen Brian Uzzi im Fachmagazin „Science“.

Eigentlich, so sollte man glauben, zählt in der Wissenschaft vor allem neues Wissen. Doch dass auch Forscher nicht von zu viel Neuem übermannt werden wollen, hatten wohl schon Größen wir Charles Darwin und Isaac Newton verinnerlicht.

So widmete der Begründer der Evolutionstheorie den ersten Teil seines berühmten Werkes „Über die Entstehung der Arten“ nicht etwa der Erklärung für die Diversität des Lebens. Stattdessen handelte er zunächst allgemein anerkanntes Fachwissen über die selektive Züchtung von Hunden, Rindern und Vögeln ab. Der Physiker Newton wiederum beschrieb sein Gravitationsgesetz mithilfe klassischer Geometrie, anstatt die von ihm gerade neu entwickelte Infinitesimalrechnung zu verwenden.

Eine Prise Innovation - Uzzi und seine Kollegen haben für ihre Analyse Studien verwendet, die in der Onlinedatenbank „Web of Science“ aufgeführt sind. Um den Mix aus alten und neuen Daten abzuschätzen, warfen sie einen Blick in das Literaturverzeichnis der Arbeiten: Welche anderen Studien werden zitiert, und vor allem: Welche werden zusammen in einem Kontext genannt? Daraus leiteten die Forscher ab, wie häufig bestimmte Fachjournale in einem Zusammenhang zitiert werden.

So errechneten sie, welche dieser Kombinationen in einem bestimmten Publikationsjahr eher üblich und welche eher ungewöhnlich sind. Zum Beispiel werden häufig Studien zusammen zitiert, die im selben Magazin erschienen sind, etwa in den „Tetrahedron Letters“ für organische Chemie. Dass in einer Studie Arbeiten aus „Tetrahedron Letters“ und der Fachzeitschrift „Life Sciences“ in einem Kontext zitiert werden, ist dagegen unwahrscheinlich. Eine solche Kombination werteten die Forscher deshalb als neuen und innovativen Ansatz.

Mit Hilfe ihrer statistischen Auswertungen glauben sie, das Rezept für eine erfolgreiche Studie gefunden zu haben: „Konventionelle Kombinationen bekannter Ideen sind die Hauptzutaten, für die Würze sorgt eine kleine Prise Neues“, erklärt Mitautor Ben Jones. Studien dieser Art hätten laut der Analyse eine zweimal höhere Wahrscheinlichkeit, besonders oft zitiert zu werden, als Studien mit einer anderen Mischung aus Altem und Neuem.

Kreativer im Team – „Wenn eine neue Erkenntnis in Zusammenhänge eingeordnet werden kann, die über eine längere Phase der Forschung entstanden sind, gibt das dem Ganzen mehr Gewicht“, sagt Reinhard Hüttl, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften. Das gelte selbst dann, wenn die neuen Erkenntnisse das alte, etablierte Wissen über den Haufen werfen: „Die Wissenschaft arbeitet immer nach dem Prinzip der Falsifikation“, sagt Hüttl. „Das heißt, bestehendes Wissen wird kritisch hinterfragt, um der Wahrheit immer näher zu kommen.“

Auch wenn eine Auswertung der Literaturhinweise nicht das alleinige Maß für den Innovationsgrad einer Arbeit sein kann - die aktuelle Untersuchung bestätigt dennoch, wie Forschung und Fortschritt funktioniert. Denn das Team konnte einen weiteren bekannten Trend belegen: Wissenschaftler, die in Gruppen von drei oder mehr Personen arbeiten, sind kreativer. Bei ihnen steigt die Wahrscheinlichkeit um fast 40 Prozent, dass ihre Veröffentlichung viele neue Elemente enthält. „Diesen Befund kann ich aus meiner Erfahrung absolut bestätigen“, sagt Hüttl. „Innovationen und Durchbrüche entstehen meist an den Schnittstellen der Fachgebiete, in interdisziplinären Arbeitsgruppen.“

Schrecken also selbst Wissenschaftler vor zu viel Neuem zurück? Nein, sagt Bianca Krol vom Kompetenzcentrum für Statistik und Empirie an der FOM Hochschule für Ökonomie und Management in Essen: „Neue Fragen und Probleme ergeben sich eben nicht aus dem luftleeren Raum. Zu einem idealtypischen Forschungsprozess gehört deshalb immer, auf bereits vorhandenes Wissen aufzubauen.“

 

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