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Der Tod von Jack Londons Eiche

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Baku, den 3. August (AZERTAG). In Kalifornien stirbt die Eiche, die der Schriftsteller Jack London jeden Tag sah, wenn er aus seinem Arbeitszimmerfenster schaute. Ihr Tod wird nun gefeiert - so wie der Romanautor es gern gesehen hätte: mit einer riesigen Party.

Wenn der Schriftsteller Jack London aus dem Fenster seines Arbeitszimmers auf der kalifornischen Beauty Ranch schaute, fiel sein Blick auf eine alte Eiche. Alt war sie in der Tat schon damals, als London die Ranch im Jahr 1905 kaufte: mindestens 150 Jahre, vielleicht auch schon über 300. In seinen letzten Lebensmonaten wusste der Autor der Romane Ruf der Wildnis, Der Seewolf oder Wolfsblut, dass er nicht alt werden würden. Seine Nieren plagten den schweren Alkoholiker.

Während er mit Schmerzen am Schreibtisch saß und das Ende kommen fühlte, fielen draußen die fruchtbaren Eicheln auf den Boden. Der Eichel-Pflanzer heißt eines seiner letzten Werke - ein Theaterstück, das London noch in seinem Todesjahr 1916 publizierte. „London setzte die Eichel mit Frieden gleich“, schreibt Breck Parkman, als Senior State Archaeologist verantwortlich für den Jack London State Historic Park.

Die Eiche wehrt sich tapfer gegen die Schwerkraft - Jetzt sind allerdings auch für die Eiche die letzten Monate gekommen. Nachdem im vergangenen Winter bereits ein kräftiger Ast mit mehr als 75 Zentimeter Umfang abbrach, sprachen Baumpfleger der kalifornischen State Parks nun ihr Todesurteil aus. Auch John Meserve, der als unabhängiger Berater für eine zweite Meinung hinzugezogen wurde, kam zu dem Ergebnis: Der Baum muss weg.

Die Eiche ist bereits voll von Kohlenbeeren (Hypoxylon) - einer Pilzgattung, die sich als einer der ersten Organismen über totes Holz hermacht. „Sie versucht mit aller Kraft, am Leben zu bleiben“, sagt Baumpfleger Meserve der Lokalzeitung „The Kenwood Press“, „und sie hält sich tapfer.“ Doch ob ihr nur noch ein paar Wochen bleiben, bis ihre Krone der Schwerkraft nachgeben muss, oder mehrere Jahre, ist ungewiss. Im Wald dürfte sie in Frieden ihre letzten Lebensmonate genießen. Doch da sie an ihrem jetzigen Standort auf Jack Londons Wohnhaus fallen könnte - oder gar auf einen Besucher der historischen Stätte -, muss der alte Baum gefällt werden.

Damit hat der Jack London State Historic Park ein Problem. Normalerweise sterben Denkmäler nicht einfach - sie sind bereits tot. Wie aber soll man mit einem Ausstellungsstück umgehen, das demnächst das Zeitliche segnen wird? Jack London hatte darauf eine Antwort: „Ich werde nicht meine Tage vergeuden, indem ich versuche, sie zu verlängern“, schrieb er. „Ich werde meine Zeit nutzen.“

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