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Die Welt ist alarmiert

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Baku, 6. Januar, AZERTAC 

Nordkorea hat angeblich eine Wasserstoffbombe getestet - die Nachbarländer sind empört. Das Regime in Pjöngjang warnte nicht einmal seinen einzigen Verbündeten China. Der Uno-Sicherheitsrat hat eine Dringlichkeitssitzung einberufen.

Die Welt ist alarmiert: Nordkorea hat nach eigenen Angaben erstmals eine Wasserstoffbombe getestet - "erfolgreich", wie ein Nachrichtensprecher im staatlichen Fernsehen verkündete. Damit gehöre Nordkorea ab sofort zum Kreis der Länder mit fortgeschrittener Kernwaffentechnik, hieß es. Die USA, Südkorea und Japan reagierten empört. Der Uno-Sicherheitsrat soll nach Angaben von Diplomaten noch am Mittwoch zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Das Treffen in New York solle am Vormittag (Ortszeit) hinter verschlossenen Türen beginnen, wie Diplomaten sagten. Die Sitzung wurde demnach von den USA und Japan beantragt. Die Mitglieder des Gremiums wollten zusammentreten, um über das weitere Vorgehen zu beraten, sagte eine Sprecherin. "Auch wenn wir zurzeit noch nicht bestätigen können, dass ein Test durchgeführt wurde, verurteilen wir jegliche Verletzung der Uno-Resolutionen und rufen Nordkorea erneut auf, sich an internationale Vereinbarungen zu halten." Sicher ist, dass ein Erdstoß der Stärke 5,1 gemessen wurde.

Das international weitgehend isolierte Nordkorea hatte bereits in den Jahren 2006, 2009 und 2013 Atomwaffentests unternommen. Der Uno-Sicherheitsrat verschärfte nach jedem Test die Sanktionen gegen das kommunistische Land. Auch dieses Mal kündigte Südkorea wieder ein entschiedenes Vorgehen gegen Provokationen aus seinem Nachbarland an.

Die japanische Regierung erklärte, Nordkoreas Vorgehen bedrohe auch die Sicherheit Japans und werde eine klare Antwort nach sich ziehen. Auch die USA und Großbritannien kritisierten den Test.

Provokation für China - Selbst China, der einzige Verbündete Nordkoreas, wurde überrascht: Pjöngjang gab Peking keine Vorwarnung. 2006, beim ersten der bislang vier Nukleartests, hatten die Nordkoreaner den Chinesen 20 Minuten vor der Detonation Bescheid gegeben.

Für Peking ist Nordkoreas Nukleartest eine weitere Provokation in dem seit Jahren angespannten Verhältnis zu seinem kommunistischen Nachbar- und Bruderland. China spricht sich seit Jahren gegen den Ausbau des nordkoreanischen Nuklearprogramms und weitere Atomtests aus - bislang ohne Erfolg.

Die meisten Chinesen denken über Nordkorea ähnlich wie der Rest der Welt. Sie halten das Land für unberechenbar und machen sich über Führer Kim Jong Un lustig. Es nagt an der Legitimität der chinesischen Regierung, dass sie offenbar so wenig Einfluss darauf hat, was in Nordkorea passiert.

Anfang Oktober war Liu Yunshan nach Pjöngjang gereist, Mitglied des siebenköpfigen Ständigen Ausschusses der Kommunistischen Partei und der bislang höchstrangige Chinese seit dem Amtsantritt von Kim Jong Un 2011. Er übergab Kim einen Brief des chinesischen Staatschefs Xi Jinping, der sich dafür aussprach, die "traditionell freundlichen Beziehungen" zwischen den beiden Ländern aufrechtzuerhalten und ihren "gemeinsamen Schatz" zu hüten - den Frieden in Nordostasien. Kim antwortete freundlich, ging aber nicht weiter auf das umstrittene Nuklearprogramm ein.

Mitte Dezember schickte Kim dann eine nordkoreanische Musikgruppe, eine Girlband namens Muranbong, nach Peking. Sie sollte im chinesischen Nationaltheater auftreten, begann dort auch bereits mit den Proben - reiste dann aber am Tag vor dem ersten Konzert plötzlich und ohne Angabe von Gründen ab. Gerüchten zufolge war Nordkoreas Führer über das Benehmen der Chinesen sauer.

"Internationale Gemeinschaft kann Nordkorea nicht kontrollieren" - Der erneute Atomtest sei für China "sehr enttäuschend", sagt Jin Qiangyi, Leiter des Instituts für Nordostasien-Studien an der Universität Yanbian. Die Universität liegt in der Stadt Yanji, unmittelbar an der nordkoreanischen Grenze. Er selbst, sagt Professor Jin, habe die seismischen Folgen der Explosion nicht gespürt; das chinesische Staatsfernsehen berichtet allerdings, dass Studenten in Yanji aus ihren Gebäuden evakuiert wurden.

Nordkoreanische Beamte hätten vor dem Besuch der Musikgruppe einmal vom möglichen Test einer Wasserstoffbombe gesprochen, so Jin Qiangyi: "Von heute aus betrachtet, war das vielleicht ein Versuch, Chinas Reaktion zu testen."

China werde den neuerlichen Atomtest sicher hart verurteilen, sagt Jin voraus. "Doch das wird nicht viel ausrichten. Die ganze internationale Gemeinschaft ist unfähig, Nordkorea unter Kontrolle zu bringen. Das Land hat sich längst an internationale Sanktionen gewöhnt. Was soll man also noch tun? Nordkorea ist fest entschlossen, zu einer Nuklearmacht zu werden."

Nicht einmal die Drohung, Pjöngjang von Energie- und Öllieferungen abzuschneiden, werde wirken, so Jin: "Nordkorea hat einen sehr geringen Ölverbrauch, und das wenige Öl, das sie brauchen, können sich die Nordkoreaner auch auf dem Weg des Schmuggels beschaffen."

"Eine neue Situation" - Auch das Nachbarland Südkorea ist alarmiert: Der Nordkorea-Experte der Kyungnam Universität in Seoul, Lim Eul-Chul, sagt, wenn es zutreffe, dass Nordkorea erfolgreich eine Wasserstoffbombe getestet habe, "dann haben wir eine neue Situation. Dann muss die internationale Gemeinschaft Nordkorea als Atommacht anerkennen."

Mit dem Test will der Jungdiktator laut dem Research Director sowohl seinen Untertanen als auch der übrigen Welt demonstrieren, dass unter seiner Herrschaft "eine andere Demokratische Volksrepublik Korea entstanden ist".

Für Mai hat Kim erstmals seit 36 Jahren wieder einen Parteitag der nordkoreanischen Arbeiterpartei einberufen. Der heutige Test diene offenbar auch als Vorbereitung auf das geplante Großereignis. "Kim will zeigen, was er politisch und militärisch vorzuweisen hat."

Die Welt werde nicht darum herumkommen, ihre Haltung gegenüber Nordkorea zu überdenken, sagt Lim. Wenn der Norden tatsächlich erfolgreich eine Wasserstoffbombe getestet habe, "dann wird der Norden darauf pochen, bei künftigen Verhandlungen als gleichberechtigter Partner behandelt zu werden".

Zwar würden die USA und die übrigen Mächte eine Weile brauchen, um ihre Position zu Nordkorea zu adjustieren, sagt Lim. "Letztlich aber werden sie mit dem Norden verhandeln müssen."

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