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Dunkle Seite des Schlafs

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Baku, den 25. November (AZERTAG). Forscher versuchen, Albträume zu analysieren – doch jede Studie bringt andere Ergebnisse. Wovon handeln Albträume? Diese simple Frage ist überraschend schwierig zu beantworten. Die erste Analyse stammt aus dem Jahr 1935. Doch jede neue Studie präsentiert auch neue Ergebnisse, die Liste der „häufigsten“ Albtraumthemen ist lang. Die Liste der Listen ist es ebenfalls.

Der Schlaf- und Traumforscher Antonio Zadra von der Université de Montreal ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet. Er hat in der aktuellen Ausgabe des Journals Sleep eine Inhaltsanalyse der Albträume von 331 Männern und Frauen veröffentlicht. Demnach spielt in fast jedem zweiten Traum körperliche Gewalt eine Rolle, ebenfalls häufig sind zwischenmenschliche Konflikte, Hilflosigkeit, Tod und dunkle Vorahnungen.

Untersuchungen aus der Vergangenheit waren zu anderen Ergebnissen gekommen: Die Pionierstudie von 1935 nennt Angst vor Tieren, das Gefühl, gejagt zu werden, und Mord als häufigen Inhalt, eine Untersuchung aus dem Jahr 1980 zählt die Angst vor einem Angriff, Angst vor dem Fallen und Angst vor dem Tod als häufigste Themen auf. Eine der umfangreichsten Arbeiten zum Thema stammt aus der Feder des Mannheimer Schlafforschers Michael Schredl. Laut seinen Ergebnissen sind Fallen, Verfolgung, Lähmung, Zuspätkommen, der Tod oder das Verschwinden einer nahestehenden Person am häufigsten. Was für ein Kontrast: Fallen, in Schredls Studie ein Albtraumsujet für vier von zehn Befragten, taucht in der neuen Untersuchung von Zadra noch nicht einmal als eigene Kategorie auf.

Wie kann es sein, dass Forscher mit der gleichen Frage zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen? Schredl, der 2010 mehr als 1.000 Erwachsene befragt hatte, ist von den neuen Ergebnissen ein wenig überrascht – und gibt zu bedenken: „Welche Ergebnisse wir bekommen, hängt stark von der Methode ab, die wir wählen.“ Ein entscheidendes Kriterium ist die Auswahl der Probanden. Nicht selten bestehen Studienkohorten zu einem Großteil aus Studenten, was nur bedingt repräsentativ ist. So ist es auch im Fall der aktuellen Studie aus Kanada.

Ein anderer Punkt ist die Erhebung. Arbeiten die Forscher mit Fragebögen, kann das Ergebnis durch die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten verzerrt sein. Außerdem neigen Menschen dazu, sich an Albträume mit besonderem Inhalt eher zu erinnern als an andere, was das Ergebnis von retrospektiven Befragungen verfälschen kann. Als Goldstandard gilt daher ein Traumtagebuch, das aber in der Analyse Probleme bereiten kann: Die Forscher müssen sich auf die niedergeschriebenen Berichte verlassen; nur wenn diese vollständig sind, ist es auch das Ergebnis.

Untersucht man die Studien aus der Vergangenheit, offenbaren sich noch andere Schwierigkeiten. Obwohl sich alle mit dem Thema Albträume beschäftigen, wird der Begriff in einigen Fällen recht lax gehandhabt. Ein Albtraum ist laut Definition verstörend und emotional intensiv; er bringt den Schlafenden zum Aufwachen. Einige Untersuchungen unterscheiden nicht zwischen schlechten Träumen, bei denen der Träumende weiterschläft, oder anderen ernsthaften Schlafstörungen.

Michael Schredl aus Mannheim bleibt trotz aller Unstimmigkeit gelassen. „In der Wissenschaft gibt es kein Falsch oder Richtig“, sagt er. So spannend die Frage auch klingt: Welche Albträume die Menschen am häufigsten heimsuchen, lässt sich, bei Tageslicht besehen, nicht pauschal beantworten.

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