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Eine Million Sklaven in Peking

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Baku, den 6. November (AZERTAG). Der Kaiserpalast in Peking gilt als Meisterwerk der Architektur: Forscher haben jetzt herausgefunden, mit welchem Trick es den Erbauern gelang, 123 Tonnen schwere Gesteinkolosse dorthin zu schaffen.

Unter den chinesischen Kaisern gehörte Yongle (1360 bis 1424) zu den mächtigsten. Er gründete Peking als Hauptstadt des Reiches, unternahm viele Feldzüge gegen die Mongolen, ließ eine mächtige Flotte bauen und betrieb diplomatische Missionen.

Für die Bewohner und Besucher am präsentesten ist der dritte Kaiser der Ming-Dynastie aber zweifellos durch die Existenz des prachtvollsten Gebäudekomplexes in der chinesischen Hauptstadt: der Verbotenen Stadt, die seit dem Jahr 1987 zum Weltkulturerbe der Unesco gehört.

Die Gebäude auf rund 150.000 Quadratmeter bebauter Fläche gelten als Meisterwerk chinesischer Architektur. Sie boten einst der kaiserlichen Familie Schutz. Mehrere Hundert Jahre lang war die Verbotene Stadt für normale Bürger gesperrt, bis heute ist sie von einer roten Mauer umgeben.

Angesichts der Größe des Komplexes, zu dem auch der Kaiserpalast gehört, und angesichts der damals begrenzten technischen Mittel verwundert die Bauzeit von nur 14 Jahren von 1406 bis 1420. Allerdings sollen bis zu 100.000 Kunsthandwerker und eine Million Sklaven am Bau beteiligt gewesen sein. Insofern taugt die Verbotene Stadt nicht als Vorbild für heutige Bauherren – etwa die des neuen Berliner Flughafens BER.

Steine wurden auf Eisbahnen transportiert - Zur Bautechnik, oder besser zur Logistik im Zusammenhang mit der Erbauung des Kaiserpalastes, haben chinesische Wissenschaftler jetzt Details herausgefunden: Die Baumeister ließen einer neuen Studie zufolge riesige Steine per Schlitten auf künstlichen Eisbahnen herantransportieren. Das Verblüffende: Als die Verbotene Stadt vor etwa 600 Jahren errichtet wurde, waren in China Gefährte mit Speichenrädern schon seit 3000 Jahren bekannt.

Doch der Transport im Winter per Schlitten brachte Vorteile, schreiben die Ingenieure um Jiang Li im US-Fachmagazin „PNAS“. In einem Dokument aus der Bauphase fanden die Forscher einen Bericht über den Transport eines 123 Tonnen schweren Steins.

Mit einer besonderen Technik bewältigten die Arbeiter die 70 Kilometer lange Strecke vom Steinbruch nach Peking: Sie schütteten Wasser auf den winterlich vereisten Untergrund und ließen den Schlitten darübergleiten. Um überall entlang der Strecke Wasser dafür zu haben, gruben sie alle 500 Meter einen Brunnen.

46 Männer reichten für den Transport aus - Die Forscher verglichen nun verschiedene Möglichkeiten, die aus der Antike bekannt sind, um einen 123 Tonnen schweren Stein zu transportieren. Dann ermittelten sie anhand des jeweiligen Reibungskoeffizienten den geschätzten Bedarf an Männern, die den Schlitten zogen. Für einen Schlitten auf trockenem Untergrund wäre es eine utopische Zahl: 1537 Männer wären nötig gewesen.

Für einen Schlitten auf einem Wasserfilm und einem Holzuntergrund betrüge die Zahl immer noch 358. In einer ähnlichen Größenordnung liegt der Transport auf hartem Eis. Erst das ständige Bewässern des Eises führt zu einem Gleitfilm, der vermutlich nur 46 Männer für den Transport erforderlich machte.

Eine große Rolle bei der Entscheidung für diese Transportmethode spielte den Experten zufolge auch die Witterung: Damals lag in Peking die Durchschnittstemperatur im Januar bei etwa minus 3,7 Grad Celsius. Bei dieser Temperatur gefriert Wasser nicht vollständig innerhalb von zwei Minuten. Diese Zeitspanne reichte, um den Schlitten über die gerade bewässerte Stelle zu ziehen und auf dem Wasserfilm oberhalb der Eisschicht gleiten zu lassen.

Wagentransport hatte Obergrenze von 95 Tonnen - Der erste Gedanke zur Art des Transports betrifft Fahrzeuge mit Rädern – die es im China des beginnenden 15. Jahrhunderts ja längst gab. Doch Jiang Li und seine Kollegen haben auch dazu Quellen gefunden. Eine Schrift besagt, dass die Obergrenze für einen Wagentransport damals bei etwa 95 Tonnen lag.

Der knapp 30 Prozent schwerere Gesteinsblock hätte einen Radtransporter vermutlich also zerstört. Die Eisfläche sei zudem viel glatter als der holprige Transport auf einem Wagen, bei dem der Stein hätte beschädigt werden können. Auch lasse sich der Schlitten auf Eis leichter lenken als auf untergelegten rollenden Holzstämmen – was auch eine historisch belegte Transportvariante ist.

Im Übrigen wird die Methode in Nordchina gelegentlich noch heute angewendet, wie die Wissenschaftler betonen. In der Provinz Heilongjiang wurde im Januar und Februar 2013 ein 1200 Tonnen schweres Gebäude einer Eisenbahnstation auf einer künstlichen Eisbahn transportiert.

Vom Bauvolumen vielfach größer ist die Große Mauer. Nach offizieller chinesischer Rechnung erstreckt sie sich über 21.200 Kilometer, worin allerdings auch natürliche Grenzbarrieren wie Berge und Flüsse enthalten sind. Mit dem Bau wurde schon ab dem 7. vorchristlichen Jahrhundert begonnen. Sie besteht weithin aus geschichteten Natursteinen und gebrannten Ziegeln.

 

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