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Fachkräftemangel gefährdet Chinas Aufschwung

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Baku, den 30. November (AZERTAG). China setzt auf die duale Ausbildung, um junge Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Doch kulturelle Hindernisse behindern die Umsetzung. Deutsche Firmen helfen sich nun selbst.

Langsam klettert Jiang Weil gen Hallendecke. Während er eine Leitersprosse nach der anderen erklimmt, blickt er immer wieder nach unten. Dort verfolgen die mit Sicherheitshelmen ausgestatteten Kollegen Jiangs Aufstieg. Ein Auffanggurt sorgt dafür, dass dem 26-Jährigen nichts passieren kann. Jiang Weil übt für den Ernstfall – für die Arbeit an einem Windrad. Es ist eine ungewohnte Situation für ihn. Im Maschinenbaustudium gab es nur Frontalunterricht. Praxis? Fehlanzeige. Erst im deutsch-chinesischen Trainingszentrum in Suzhou, 100 Kilometer westlich von Shanghai, lernt er das Handwerkszeug für seinen Job. den Aufbau und die Wartung der Turbinen.

Es mangelt an praktischem Know-how - Ein paar Minuten später steht Jiang wieder sicher auf dem Boden, vor den riesigen Rotoren deutschen Fabrikats; auch sie dienen Trainingszwecken. „Ich übe hier genau das, was ich auf der Arbeit können muss“, sagt Jiang.

Das binationale Trainingszentrum in Suzhou weist den Weg in die Zukunft der beruflichen Bildung. Denn in China mangelt es vielen auch nach Ausbildung oder Studium an praktischem Know-how. Der Facharbeitermangel gefährdet den von der Regierung angestrebten Umbau des Landes zum Hightech-Standort. Vor allem bei ausländischen Unternehmen wächst die Sorge vor Engpässen und damit vor Qualitätsproblemen. „Personalprobleme haben sich in China binnen drei Jahren in den Vordergrund gedrängt“, sagt Christoph Angerbauer, General Manager der Deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Shanghai.

China will duale Ausbildung - Langsam steuert die chinesische Regierung gegen und arbeitet am Umbau des Bildungssystems. Im nationalen Bildungsplan aus dem Jahr 2010 heißt es. Der beruflichen Ausbildung müsse eine höhere Priorität eingeräumt werden. Sie sei wichtig, um das Wirtschaftswachstum zu beschleunigen.

Das Ziel ist ein duales Ausbildungssystem, wie es auch in Deutschland besteht. Dabei werden Lehrlinge parallel praktisch und theoretisch geschult. Auch Universitäten sollen mit Unternehmen zusammenarbeiten und Arbeit vor Ort ins Studium integrieren. Zudem soll schon in Schulen die berufliche Bildung im Unterricht verankert werden.

2011 unterzeichneten Kanzlerin Angela Merkel und der damalige Premierminister Wen Jiabao dazu eine deutsch-chinesische Erklärung, die deutsche duale Ausbildung nach China bringen zu wollen. Mithelfen sollen unter anderen die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung, die schon seit den 80er-Jahren in Sachen beruflicher Bildung in China aktiv ist, die AHK, die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und das Bundesinstitut für Berufsbildung.

Viele Chinesen studieren lieber - Doch die Unternehmen spüren bislang kaum Fortschritte. „Die Anstrengungen der Regierung fruchten zu langsam“, sagt Weidmüller-Akademieleiter Niggemann. Denn gesellschaftliche Überzeugungen lassen sich nicht einfach per Bildungsplan ändern: Nach wie vor beginnen in China wegen des miserablen Rufs praktischer Ausbildungen auch akademisch wenig begabte Schulabgänger lieber ein Studium als eine Lehre. „In China wurde immer nur der etwas, der lernen konnte“, erklärt der Kölner Kulturwissenschaftler Phillip Grimberg. „Man musste die Klassiker kennen und entsprechende Prüfungen bestehen.“

„Chinesische Auszubildende sind es überhaupt nicht gewohnt, eigene Gedankengänge im Kontext der Ausbildung zu entwickeln“, sagt Dieter Sommer, der 2005 in Kooperation mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit das Windkraft-Trainingszentrum in Suzhou aufbaute. Es werde auch nicht verlangt. „Die Lehrer sind es nicht gewohnt, etwas aus der Hand zu geben“, sagt Sommer.

Schließlich fand Sommer Ausbilder, die er überzeugen konnte. Und stellte fest: Transferdenken ist erlernbar. Nach einer Weile legten die Schüler ihre Scheu davor ab, im Unterricht selbst aktiv zu werden. Sommer beobachtete, wie eine kleine Gruppe gemeinsam ein zerlegtes Getriebe zusammenbaute. „Das kann man nicht auswendig lernen“, sagt er.

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