GESELLSCHAFT


Fehlende medizinische Versorgung fordert mehr Opfer in Syrien

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Baku, den 6. November (AZERTAG). Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems hat das Feld für Seuchen bereitet. Nach Polio fürchten Ärzte nun den Ausbruch einer Masern-Epidemie.

Die meisten Opfer des syrischen Bürgerkriegs sterben nicht durch Kugeln, Schrapnell-Verletzungen oder die Wucht von Explosionen. Sie sterben an Krebs und Asthma, an Diabetes und an Herzkrankheiten, die aufgrund des Krieges nicht behandelt werden können.

Nicht oder unzureichend behandelte chronische Krankheiten töten doppelt so viele Syrer wie die im Land herrschende Gewalt, sagen syrische und internationale Experten für öffentliche Gesundheit. Bis zu 200.000 Menschen sollen durch die mangelhafte medizinische Versorgung seit Ausbruch der Kämpfe in Syrien vor zweieinhalb Jahren einen vermeidbaren verfrühten Tod gestorben sein, schätzt die Syrisch-Amerikanische Medizinische Gesellschaft. Nur halb so viele, etwas über 100.000, sind laut Schätzung der Vereinten Nationen Opfer kriegerischer Gewaltopfer. Aufgrund der Kriegswirren seien große Teile der Bevölkerung nicht angemessen medizinisch versorgt.

Gründe hat das viele: In umkämpften Gebieten ist es Patienten, Ärzten und Pflegern nicht möglich, sich zu den Gesundheitszentren zu begeben. Die von Rebellen kontrollierten Gebiete sind vom staatlich geregelten Nachschub mit Medikamenten und Instrumenten abgeschnitten. Hinzu kommt die Zerstörung der Infrastruktur.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass in den Nordprovinzen Aleppo, Deir al-Sor und Idlib 70 Prozent der Krankenhäuser und Kliniken beschädigt oder zerstört sind. Wegen Mangel an Treibstoff und Strom behandelten viele Krankenhäuser nur noch Notfälle, so die WHO.

Wo die Behandlung akuter Kriegsverletzungen die geringen Kapazitäten bindet, haben Patienten mit chronischen Leiden das Nachsehen. Die in Paris ansässige „Vereinigung der Syrischen Organisationen für Medizinische Hilfe“ schätzt, dass in Syrien 70.000 Krebskranke und 5000 Dialysepatienten nicht adäquat behandelt werden. In Syrien gibt es pro Jahr etwa 20.000 neue Krebserkrankungen. Doch das Auffangnetz für die Kranken sei zerrissen. Und gerade für chronisch Kranke ist auch die Flucht ins Ausland keine Lösung. Die meisten syrischen Krankenversicherungen zahlen nicht für Behandlungen im Ausland. Es gibt Fälle, in denen Menschen aus dem Libanon in den Krieg zurückkehren mussten, um dort eine Chemotherapie zu machen.

Ein zentrales Problem der Gesundheitsversorgung in Syrien ist, dass alle großen Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz, der Rote Halbmond oder die WHO von der Regierung daran gehindert werden, in von Rebellen kontrollierten Gebieten zu agieren. Die WHO und andere Uno-Organisationen müssen ihre Herangehensweise grundlegend überdenken. Sie müssten durchsetzen, dass sie auch in Rebellen-kontrollierten Gebieten operieren dürften. Das ist zum Wohle aller und muss auch im Interesse des Staates sein.

Der jüngste Ausbruch von Polio in Syrien zeige, dass die Vernachlässigung von Impfprogrammen die gesamte Bevölkerung gefährde, egal wer in der Region das Sagen habe. Die WHO hat diese Woche in der Provinz Deir al-Sor zehn Fälle von Kinderlähmung nachgewiesen.

Das Polio-Virus, das in Syrien als ausgerottet galt, war dort aufgetaucht, nachdem das Impfprogramm für Säuglinge durch den Krieg unterbrochen wurde. Die WHO warnt, dass nun alle nicht geimpften Kinder und Erwachsene durch den Ausbruch bedroht seien. Zum Schutz der Bevölkerung planen Hilfsorganisationen eine sofortige Impfkampagne gegen Polio in Syrien und den Nachbarländern. Die WHO prüft nun, ob das Virus natürlich in Syrien vorkam oder womöglich von aus den Polio-Ländern Pakistan und Afghanistan nach Syrien reisenden Kämpfern eingeschleppt wurde.

Die kriegsbedingte Unterbrechung der Impfkampagnen in Syrien hätte in Syrien „die Büchse der Pandora“ geöffnet, warnen heimische Mediziner. Sie fürchten, dass ihr Heimatland als nächstes auf eine Masern-Epidemie zusteuert. „Auch dagegen sind zwei oder drei Geburtenjahrgänge nicht mehr durchgehend geimpft.“

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