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Flusspferd frisst Gnu-Babys

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Baku, 9. Dezember, AZERTAC 

In der afrikanischen Steppe jagt ein Flusspferd zwei Gnujunge, tötet sie und frisst ihr Fleisch. Verhaltensgestörter Pflanzenfresser, könnte man denken. Von wegen!

Wer Flusspferde einmal in freier Natur erlebt hat, weiß, wie agil die tonnenschweren Pflanzenfresser sind. Und, dass mit ihnen nicht zu spaßen ist. Am Olare Orok Fluss im Nordosten der Masai Mara in Kenia hat ein Fotograf nun ein ungewöhnliches Verhalten der Tiere dokumentiert.

Uwe Skrzypczaks Fotos zeigen, wie ein Flusspferd zwei kleine Gnus jagt und tötet, die den Fluss durchqueren wollten. Von beiden Tieren soll es anschließend gefressen haben. "Die Bilder sind wirklich eindrucksvoll", sagt der Wildtierforscher Marcus Clauss von der Universität Zürich. "In der Form habe ich solch einen Moment noch nie gesehen."

Flusspferde sind dafür bekannt, dass sie ihr Territorium mit allen Mitteln verteidigen. Immer wieder sterben Tiere bei Konflikten und Revierkämpfen, selbst Krokodile halten in der Regel lieber Abstand. Dass die Pflanzenfresser, wie Skrzypczak nun berichtet, andere Tiere jagen und töten, um von ihnen zu fressen, ist allerdings kaum bekannt. So hat auch Skrzypczak seine Bilder unter dem Titel "Niemals vorher beobachtet!?" veröffentlicht.

"Tatsächlich ist es gar nicht so ungewöhnlich, dass Flusspferde Fleisch fressen", erklärt Experte Clauss. "Viele Pflanzenfresser tun das, wenn sie können." So räubern Kühe Küken aus Nestern im Gras, wenn sie die Gelegenheit dazu haben. Ebenso fressen Kaninchen, Hirsche und Pferde Fleisch, wenn es sich ergibt. "In der Regel kommen Pflanzenfresser aber nicht an frisches Fleisch heran und meiden auch Aas aus gutem Grund." Wo Aas ist, sind in der Regel auch Raubtiere, die den Pflanzenfressern selbst gefährlich werden können.

Flusspferde sind da eine Ausnahme: Sie können sich gegen Löwen und Krokodile wehren und Angreifer mit ihren großen Eckzähnen töten. So wurden sie bereits mehrfach beim Aasfressen beobachtet. Die wissenschaftlich dokumentierten Fälle hat Clauss gemeinsam mit Kollegen im Fachmagazin "Mammal Review" zusammengefasst. Seit 1995 waren es 17.

Meistens fraßen die Flusspferde demnach von verstorbenen Artgenossen, aber auch Impalas (eine Antilopenart) und junge Elefanten standen auf ihrem Speiseplan. In der Regel waren diese Tiere zuvor von Raubtieren erlegt worden. Auf Youtube ist ein Video zu finden, in dem Flusspferde an einem von Löwen getöteten Zebra fressen. In Zoos haben Flusspferde auch schon Tapire, Flamingos und kleinere Kängurus getötet und zum Teil verspeist.

Welchen Nutzen die Pflanzenfresser von Fleischnahrung haben, ist unklar. "Das jagende Flusspferd auf den Fotos sieht eher schlank aus, man erkennt die Hüftknochen und ahnt die Rippen", sagt Angela Schwarm, die ebenfalls an der Universität Zürich arbeitet. Clauss' Daten deuten allerdings darauf hin, dass die Tiere unabhängig davon, wie viel Nahrung sie sonst finden, Fleisch fressen.

Verdauen können sie es ohne Probleme: "Flusspferde sind Paarhufer und die sind eng verwandt mit den Walen, die fast ausschließlich tierische Nahrung aufnehmen", erklärt Clauss. Wal- und Flusspferdmägen sind sich daher in gewisser Weise ähnlich, beide bestehen aus mehreren Kammern, den sogenannten Vormägen. Mikroorganismen verdauen dort beim Flusspferd das Fleisch vor, bevor im Dünndarm die Nährstoffe aus der Nahrung aufgenommen werden.

Milzbrandgefahr - Sorgen macht Forschern die Fleischeslust der Pflanzenfresser dennoch, denn sie könnte zur Verbreitung von Milzbrand beitragen. 2011 starben 511 Menschen und 85 Flusspferde in Sambia an einer Infektion mit dem Milzbranderreger Bacillus anthracis. Gleichzeitig hatten Forscher mehrere Flusspferde beobachtet, die von an der Krankheit verstorbenen Artgenossen gefressen hatten.

Zuvor hatte Milzbrand in den Jahren 2004 und 2005 über zehn Prozent der Flusspferde im Queen Elizabeth National Park in Uganda dahingerafft, etwa zehn Menschen starben. Damals breitete sich die Krankheit vom Lake George stromabwärts entlang eines Kanals in weitere von Flusspferden bewohnte Seen aus. Auch dort wurde beobachtet, wie Flusspferde mit dem Wasser herangespülte tote Artgenossen fraßen.

Es sei vorstellbar, dass infizierte Kadaver die Ausbreitung damals verstärkt haben, schreibt Clauss. Dafür spricht auch, dass deutlich mehr Flusspferde an der Infektion starben (etwa zehn Prozent der Gesamtpopulation) als andere Pflanzenfresser aus dem gleichen Lebensraum, die sich in der Regel nicht an Aas herantrauen, etwa Zebras, Büffel und Elefanten (Anteil von etwa einem Prozent der jeweiligen Gesamtpopulation).

Bereits jetzt werden Tierkadaver, die vermeintlich mit Anthrax infiziert sind, vergraben oder verbrannt, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. "Die Ergebnisse unseres Übersichtsartikels zeigen, dass diese Praxis besonders für den Schutz der Flusspferde wichtig ist", schreiben Clauss und Kollegen. Wie viele Ansteckungen so verhindert werden können, müsse aber noch genauer untersucht werden.

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