GESELLSCHAFT


Forscher analysieren Nikotinverlangen von Rauchern

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Baku, 15. September, AZERTAC

Zündet sich ein Raucher eine Zigarette an, befriedigt das nicht automatisch seine Sucht. Entscheidend ist, dass er vom Nikotingehalt des Glimmstängels überzeugt ist.

Derek Adams ging es schlecht, nachdem er dachte, eine Überdosis Antidepressiva geschluckt zu haben. Was der Patient nicht wusste. Er hatte ein wirkungsloses Scheinpräparat geschluckt, das er im Rahmen einer Medikamentenstudie erhalten hatte. Allein der Glaube an die schädliche Wirkung machte ihn krank - so erzählt man es zumindest.

Die Geschichte wird gern zur Hilfe genommen, um den sogenannten Noceboeffekt zu erklären. Im Gegensatz zum Placeboeffekt, durch den wirkstofflose Substanzen positives bewirken können, lässt der Noceboeffekt Menschen unnötig leiden. Wie sich nun zeigt, sind auch Raucher nicht vor ihm sicher.

24 Raucher, vier Rauchszenarien - Forscher um Xiaosi Gu vom Center for Brain Health der University of Texas in Dallas haben das Nikotinverlangen von 24 Rauchern in vier unterschiedlichen Situationen analysiert:

Die Studienteilnehmer glaubten, eine nikotinhaltige Zigarette zu rauchen, tatsächlich enthielt ihr Glimmstängel den Stoff aber nicht.

Die Probanden glaubten, die Zigarette sei nikotinfrei, in Wahrheit enthielt sie die Substanz aber doch.

Die Teilnehmer gingen davon aus, Nikotin zu bekommen und bekamen es auch.

Sie glaubten eine nikotinfreie Zigarette zu rauchen, und so war es auch.

In den vier Versuchen wussten weder die Forscher noch die Studienteilnehmer, wer wann welches Präparat bekam.

Nikotin plötzlich ohne Wirkung - Die Raucher empfanden Erleichterung, nachdem ihnen eine Nikotinzigarette angekündigt worden war und sie diese auch bekamen. Gingen die Studienteilnehmer jedoch davon aus, dass sie kein Nikotin aufnahmen, obwohl dies der Fall war, blieb die Befriedigung zur Überraschung der Forscher aus.

Andersrum funktionierte die Manipulation allerdings nicht: Wurde den Rauchern vermittelt, sie würden eine Nikotinzigarette rauchen, obwohl diese nikotinfrei war, empfanden die Befragten keine Erleichterung ihres Verlangens, berichten die Forscher im Fachmagazin "Frontiers in Psychiatry". Der Placeboeffekt war zu schwach.

Blick ins Suchtzentrum - Hirnscans untermauerten die Empfindungen der Raucher. Besonders interessierten die Forscher dabei Prozesse in der Inselrinde. Die Hirnregion gilt als wichtiges Steuerelement für das Nikotinverlangen. 2007 hatte eine Studie im Fachmagazin "Science" gezeigt, dass Hirnschäden in der Region, etwa durch einen Schlaganfall, das Nikotinverlangen stoppen.

Hatten die Probanden eine Nikotinzigarette geraucht und auch mit einer gerechnet, aktivierte das die relevanten Bereiche der Inselrinde. Wurde den Probanden allerdings gesagt, sie würden kein Nikotin aufnehmen, obwohl das der Fall war, reagierte die Hirnregion dagegen nicht. Somit passten die Aufnahmen zum subjektiven Empfinden der Probanden.

Zudem zeigten die Scans, dass es sich bei dem unbefriedigten Nikotinverlangen nicht um Einbildung handelte: Auch biochemisch reagierte das Gehirn anders, wenn es kein Nikotin erwartete.

Schmerz lass nach - Das Ergebnis passt zu früheren Studien, an denen der Noceboeffekt erforscht wurde. Besonders eindrückliche Versuche gibt es im Zusammenhang mit Schmerz. 2011 untersuchten Forscher um Ulrike Bingel, die inzwischen an der Uniklinik Essen forscht, wie stark Menschen unter unterschiedlichen Umständen Schmerz empfinden. Sie gaben Freiwilligen dazu ein Schmerzmittel und legten deren Füße auf eine heiße Platte.

Behaupteten die Forscher nach einiger Zeit, die Wirkung des Schmerzmittels lasse nach, empfanden die Testpersonen die Hitze gleich als deutlich schmerzhafter - dabei hatte sich an der Schutzwirkung des Medikaments nichts geändert. Auch im Hirnscan war zu sehen, dass das Schmerzzentrum der Testpersonen aktiver war, sobald diese stärkeren Schmerz erwarteten.

Aufklärung über Nebenwirkungen erhöht das Risiko, dass sie auftreten - In der Praxis stellt der Noceboeffekt Ärzte vor Herausforderungen. Unter anderem sorgt er dafür, dass Nebenwirkungen mit größerer Wahrscheinlichkeit auftreten, wenn ein Patient von ihnen weiß. Empfohlen wird Ärzten deshalb, Risiken positiv zu formulieren. Statt zu sagen, dass eine Nebenwirkung drei Prozent der Patienten betrifft, sollten sie auf die 97 Prozent hinweisen, die verschont bleiben.

Bekannt ist zudem, dass Nebenwirkungen bei der Einnahme von Generika häufiger vorkommen - allein aufgrund der negativen Erwartungshaltung von Patienten. Eine positive Haltung kann das Leben demnach in vielerlei Hinsicht erleichtern.

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