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Forscher bezweifeln, dass der Rotwein-Bestandteil eine lebensverlängernde Wirkung hat

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Baku, den 13. Mai (AZERTAG). Lange Zeit galt ein Glas Rotwein am Tag als gesund – unter anderem wegen des Inhaltsstoffs Resveratrol. Doch nun bezweifeln Forscher, dass der Rotwein-Bestandteil eine lebensverlängernde Wirkung hat. Ein gemeinhin als gesundheitsfördernd anerkannter Rotwein-Inhaltsstoff hat in einer Langzeitstudie mit fast 800 älteren Menschen schlecht abgeschnitten. Es gebe keine Anzeichen für eine lebensverlängernde Wirkung von Resveratrol, schreibt ein Forscherteam um Richard Semba von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (US-Staat Maryland) in der Fachzeitschrift „JAMA Internal Medicine“.

Der Stoff findet sich unter anderem in Wein, Erdnüssen und Schokolade und ist auch als Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt. Er soll zahlreichen Studien zufolge gegen Entzündungen und zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs helfen. Die Studie stieß auf unterschiedliche Reaktionen.

Semba und sein Team nahmen neun Jahre lang 783 Frauen und Männer aus zwei Dörfern in einem Weinanbaugebiet in der Toskana (Italien) unter die Lupe. Dabei untersuchten sie Urinproben unter anderem auf Resveratrol und ließen sich Angaben zu Ernährung und Gesundheit machen. Alle Teilnehmer waren bei der ersten Erhebung älter als 64 Jahre.

Die Forscher bestellten die Frauen und Männer jeweils nach drei, sechs und neun Jahren ein, um langfristige Effekte feststellen zu können. Die Teilnehmer nahmen der Studie zufolge Resveratrol hauptsächlich über Wein auf.

Neun Jahre nach der ersten Untersuchung waren 34,2 Prozent der Teilnehmer tot. Die Gestorbenen waren im Durchschnitt älter, bewegten sich weniger, waren eher zuckerkrank und litten vermehrt an chronischer Nierenentzündung und Herzschwäche.

Der Anteil der Raucher unter den Verstorbenen war leicht erhöht, mäßiger Alkoholkonsum wirkte sich den Wissenschaftlern zufolge nicht aus. Die Menge an aufgenommenen Resveratrol spielte allerdings ebenfalls keine messbare Rolle. Auch unter denjenigen, die nach neun Jahren noch lebten, waren Probanden mit einem hohen Resveratrol-Wert im Schnitt nicht gesünder.

Die Reaktionen auf die neue Studie unterscheiden sich stark. Der gute Ruf des Resveratrols habe durch diese Studie gelitten, sagte Björn Lemmer, emeritierter Pharmakologie-Professor an der Universität Heidelberg. „Die Studie ist aus meiner Sicht sehr gut geplant, und sehr viele Parameter wurden untersucht. Da kann man überhaupt nichts sagen.“ Resveratrol könne nun nicht mehr als Gesundheitsmittel vermarktet werden.

Sein Kollege Professor Huige Li von der Universitätsmedizin in Mainz kommt zu einem anderen Schluss: „Die Studie kann man nicht verwenden, um die Wirkung von Resveratrol selbst zu beurteilen.“ Die Menge an Wirkstoff in einem Liter Rotwein sei rund 100 Mal geringer als in üblichen Resveratrol-Pillen. Im Prinzip sei lediglich die gesundheitsfördernde Wirkung des Weintrinkens untersucht worden.

Forscher beschäftigten sich schon lange mit Pflanzeninhaltsstoffen, denen ein natürlicher Schutz des menschlichen Organismus zugesprochen wird. Eine ganz entscheidende Schlüsselposition nimmt dabei Resveratrol ein, das entzündungshemmend wirkt. Dem Wirkstoff wird in der Medizin und Pharmazie aufgrund von Antioxidantien eine positive Wirkung von Anti-Aging bis zur Verstärkung von antiviralen Therapien zugesprochen.

Verbindungen der Substanz werden auch in vielen Nutzpflanzen gefunden: Himbeeren, Maulbeeren, Pflaumen und Erdnüssen. Besonders hoch ist die Konzentration in der Haut roter Weintrauben. Die biologische Wirkung macht Resveratrol-Verbindungen auch zu Kandidaten für Medikamente gegen Arteriosklerose, Herzkrankheiten, Alzheimer, Arthritis, Autoimmunkrankheiten und Krebs.

Ob das Trinken von Rotwein für den menschlichen Organismus tatsächlich gesund ist, wird aber nicht nur in der jüngsten Studie stark bezweifelt. Grundsätzlich ist Alkohol für den Organismus schädlich – nach vielen aktuellen Studien sogar in relativ geringen Mengen.

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