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Forscher machen Hoffnung auf ewige Jugend

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Baku, den 21. Dezember (AZERTAG). Wissenschaftler aus Harvard haben möglicherweise eine bahnbrechende Entdeckung gemacht: Das natürliche Koenzym NAD macht aus alten Zellen wieder junge. Ist das der Schlüssel zur ewigen Jugend? Erwartet wurde eigentlich ein Wundermittel: ein bislang unentdeckter Pflanzenstoff, eine passgenaue Gentherapie oder zumindest ein ausgefuchster Hormonersatz. Dabei kann das Altern womöglich sehr viel einfacher umgekehrt werden – mit Hilfe eines schnöden Koenzyms. Nicotinamidadenindinukleotid, kurz NAD, macht aus alten Schrumpelzellen wieder fitte, junge Zellen. Mit dieser Entdeckung haben Forscher der Harvard Medical School einen maßgeblichen Mechanismus des Alterns geknackt – und dem Traum vom langen, jugendhaften Leben neuen Antrieb gegeben.

Auch wenn viele Menschen noch nie von diesem spannenden Koenzym gehört haben, ist es weder unbekannt noch schwer auffindbar. NAD ist überall. Als vielseitiges Informationsshuttle schifft es Protonen und Elektronen von einer Zellecke in die andere. Das ist für den Energiestoffwechsel essentiell. So viel weiß die Wissenschaft bereits seit Langem. Dass allerdings die Menge an NAD ebenso eine entscheidende Rolle beim Altern inne hat, wurde erst mit den Experimenten von David Sinclair bekannt.

Zusammen mit seinem Team von der Harvard Medical School in Cambridge (Massachusetts) und weiteren Forschern aus Portugal und Australien hat der berühmte Altersforscher ausgetestet, wie sich eine Erhöhung der NAD-Konzentration auf die Zellalterung auswirkt. Seine Maus-Experimente zeigen: NAD kann die schädlichen Prozesse nicht nur stoppen. Es kann sie sogar zum Teil rückgängig machen.

Dabei wird vor allem die Funktion eines Zellorgans wiederhergestellt, das als Energiekraftwerk der Zelle gilt: Im sogenannten Mitochondrium erfüllen eine Schlüsselfunktion beim programmierten Zelltod und stellen Energiepakete für den Zellstoffwechsel bereit. Zellen mit besonders hohem Energieverbrauch haben deshalb auch besonders viele Mitochondrien.

Mit dem Alter verlieren die tüchtigen Zellorganellen jedoch an Schaffenskraft. "Eine der am meisten konservierten und robusten Phänomene der Biologie ist ein voranschreitender Abfall der mitochondrialen Funktion mit dem Alter. Das führt zu einem Verlust an zellulärem Gleichgewichtung und Gesundheit", heißt es in dem zugehörigen Fachartikel in "Cell".

Beides könnte allerdings mit Hilfe von NAD wiederhergestellt werden. Wird den Zellen eine Vorstufe von NAD zugeführt, so bilden sich bereits nach einer Woche die Zeichen der Alterung zurück. Die Forscher achteten dabei auf klassische Alterungs-Parameter wie Entzündungsreaktion, Insulinresistenz und Muskelschwund. Nach Zugabe der NAD-Vorstufe bildeten sich alle drei davon im erstaunlichen Ausmaß zurück. Die Zellen der zwei Jahre alten Mäuse glichen nach der NAD-Kur plötzlich einer sechs Monate alten Maus.

Der Grund für die wundersame Verjüngung scheint in der Zusammenarbeit zwischen mitochondrialen und Zellkern-DNA zu liegen. Fällt eine der beiden Erbinformationen aus, wird die Zellfunktion gestört. Und das könnte wiederum die Grundlage für verschiedene Erkrankungen des Alters bilden – zum Beispiel Alzheimer und Diabetes.

Doch der NAD-Ansatz ist weit mehr als eine weitere Erklärung für Alterungsprozesse. Das NAD-Defizit könnte nämlich ebenso andere Theorien erklären, die bereits zum Altersstopp existieren. So hat David Sinclair bereits vor vier Jahren mit einer anderen Studie Aufsehen erregt, die sich mit den positiven Einflüssen von Rotwein befasst. Oder vielmehr: seinem Inhaltsstoff Resveratrol.

Dieser Stoff aktiviert nämlich ein Schlüsselgen namens SIRT1. Auch dieses Gen nimmt Einfluss auf die Kommunikation zwischen mitochondrialem und Zellkern-Genom. Indem es verhindert, dass die Zusammenarbeit gestört wird, trägt es ebenso zum Erhalt der Mitochondrienfunktion bei. Ohne ausreichend NAD scheint SIRT1diese Rolle allerdings nicht erfüllen zu können. Da hilft auch das tägliche Glas Rotwein nicht mehr.

Dafür kann sich der nach der Jugend Suchende mit Hilfe von NAD wohl auch qualvolle Diäten sparen. Denn eine Kalorienrestriktion, so das Ergebnis vieler Laborstudien, kann ebenso das Altern bremsen. Mäuse, die täglich bis zu 30 Prozent weniger Kalorien als empfohlen zu sich nehmen, sollen bis zu 40 Prozent länger leben.

Ob das allerdings ebenso gut bei Menschen funktionieren könnte, ist sehr fraglich – ganz davon abgesehen, dass wohl kaum ein Mensch ein solches Leben voller Verzichte auf sich nehmen möchte, selbst wenn es denn etwas länger wäre. Doch das muss vielleicht auch niemand mehr. Der Kalorienverzicht scheint am selben Knotenpunkt wie die anderen Phänomene einzugreifen, indem es das besagte SIRT-1 aktiviert.

Um ein verkaufsfähiges Produkt aus der Entdeckung zu gewinnen, müsste allerdings erst ein Weg der Verabreichung gefunden werden. Da es bei der Zukunftsvision vom Altersstopp nicht um einzelne Zellen, sondern einen ganzen Organismus geht, gelangt das zusätzliche NAD nicht so einfach von selbst an seinen Bestimmungsort – oder vielleicht doch?

So planen Sinclair und seine Forscherkollegen ein Folgeexperiment, indem das NAD den Mäusen mit dem Trinkwasser zugeführt wird. Möglicherweise, so lautet ihre Hoffnung, kann mit dem Anti-Aging-Mittel aus dem Wasserhahn die Entwicklung chronischer Erkrankungen so gebremst werden. Zumindest für die Pharmaindustrie scheint diese Vision gar nicht so abwegig zu sein, auch beim Menschen. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline hat bereits in Sinclair und seine Sirtis-Aktivatoren investiert – und ihm seine eigens gegründete Firma "Sirtris Pharmaceuticals" für 720 Millionen Dollar abgekauft.

 

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