GESELLSCHAFT


Forscher warnen vor arktischer Kosten-Zeitbombe

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Baku, den 25. Juli (AZERTAG). Das Tauwetter in der Arktis weckt Hoffnungen auf einen Rohstoff-Boom. Jetzt aber haben Forscher berechnet, welche Kosten der Klimawandel im hohen Norden verursachen könnte. Das Ergebnis ist eine schwindelerregende Zahl. Sie entspricht fast der gesamten jährlichen Weltwirtschaftsleistung.

Für Rohstoffmanager ist die Arktis ein attraktives Ziel, unter anderem wegen der dort verborgenen Öl- und Gasvorkommen. Die Versicherungsfirma Lloyd's of London schätzt, dass in den kommenden zehn Jahren 100 Milliarden Dollar im hohen Norden investiert werden - vor allem, um dessen Schätze zu fördern. Jetzt aber warnen Forscher im Fachmagazin „Nature“, dass den wirtschaftlichen Vorteilen durch besser zugängliche Rohstoffe weltweit immense Kosten durch den Klimawandel in der Arktis gegenüberstehen.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Gail Whiteman von der Erasmus-Universität in Rotterdam rechnet zusammen mit Chris Hope und Peter Wadhams von der University of Cambridge vor, wie teuer der Klimawandel am Pol für die gesamte Welt werden dürfte. Die Forscher kommen auf 60 Billionen Dollar - das entspricht beinahe der gesamten Weltwirtschaftsleistung 2012. Wie sich die Kosten auf einzelne Staaten oder Industriebereiche verteilen könnten, sagen die Forscher jedoch nicht.

Natalia Schachowa von der University of Fairbanks in Alaska hatte 2010 erstmals über das beunruhigende Phänomen des Methanaustritts vor Sibirien berichtet, das eine Art arktische Zeitbombe sein könnte. Bisher liegt das Methan in den flachen Meeren vor Russlands Küste als sogenanntes Gashydrat am Ozeanboden vor. Das ist ein Gemisch aus Eis und Methan. Doch im wärmer werdenden Wasser zersetzt sich die frostige Melange, und das Methan blubbert in die Atmosphäre. Weil es sich um ein sehr kräftiges Treibhausgas handelt, wird die Erderwärmung so noch weiter befeuert.

Whiteman, Hope und Wadhams haben nun berechnet, welche wirtschaftlichen Folgen die Freisetzung von 50 Gigatonnen Methan vor der Küste Sibiriens über einen Zeitraum von zehn Jahren hätte - was laut Schachowas Beobachtungen durchaus möglich ist. Das dabei eingesetzte Modell basiert auf jenem, mit dem Nicholas Stern 2006 im Auftrag der britischen Regierung die Kosten des Klimawandels beziffert hatte. Stern sorgte damals für globale Schlagzeilen, obwohl er die Folgen der jetzt betrachteten Methanfreisetzung nicht einmal mit einkalkuliert hatte, wie Whiteman erklärt.

„Größten Teil werden Entwicklungsländer schultern müssen“-Daher nun die Ergänzung. Mehr als 10.000-mal habe man das Rechenmodell namens Page 09 laufen lassen, um die Wirkung des Methans zu berechnen, sagt die Forscherin. Ob das Treibhausgas sofort oder erst in 20 Jahren freigesetzt wird, ob es womöglich etwas langsamer entweicht - all das habe das Ergebnis kaum beeinflusst. „Es macht keinen großen Unterschied“, so Whiteman. Eine beunruhigende Erkenntnis angesichts der Tatsache, dass die Freisetzung des Gases bereits eingesetzt hat.

Sollte sich die Welt nicht auf eine Senkung des CO2-Ausstoßes einigen, kämen durch das arktische Methan im Mittel Kosten von 60 Billionen Dollar zusammen. Die Spanne ist allerdings groß. Sie reichte von 10 bis hin zu unvorstellbaren 220 Billionen Dollar. Bei sinkenden CO2-Emissionen kämen im Mittel 37 Billionen Dollar zusammen. „Den größten Teil davon werden die Entwicklungsländer schultern müssen“, sagt Whiteman. Im „Nature“-Kommentar ist von 80 Prozent der Kosten die Rede.

Nötig für die Diskussion seien belastbare Zahlen, erklärt die Forscherin im Gespräch - vor allem, damit Wirtschaftsvertreter verstünden, was im hohen Norden auf dem Spiel steht. „'Schlechte Nachrichten für den Eisbär' - so etwas funktioniert nicht, wenn ich mit CEOs spreche.“ Das habe sie verstanden, als sie vor drei Jahren mit Geschäftsleuten in der kanadischen Arktis unterwegs war. Also haben sich die Forscher die genauen Kosten eines spezifischen Problems angesehen: die Freisetzung von Methangas, das in der tauenden Arktis vom Meeresboden in die Atmosphäre aufsteigt.

Permafrost taut auch in der Antarktis auf - Kurzfristig bietet die Erwärmung der Arktis ohne Zweifel auch wirtschaftliche Vorteile. Die Anrainerstaaten hoffen auf eine einfachere Rohstoffförderung, Logistikkonzerne freuen sich über neue Schifffahrtsrouten durch den hohen Norden. Dieses Jahr haben schon 218 Kapitäne die Genehmigung für eine Abkürzung entlang der russischen Küste beantragt.

Doch die massiven wirtschaftlichen Nachteile hätten weder der Internationale Währungsfonds noch das Weltwirtschaftsforum bisher angemessen erfasst. Zudem bildet die neue Berechnung nur einen Teil der Gesamtkosten des Klimawandels ab. Ozeanversauerung, steigende Meeresspiegel oder tauender Permafrost an Land sind in ihr noch nicht einmal berücksichtigt.

Letzteres Problem könnte darüber hinaus größere Ausmaße annehmen als bisher vermutet. Eine am Mittwoch im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der Dauerfrostboden auch in der Antarktis gefährdet ist. Forscher um Joseph Levy von der University of Texas in Austin hatten sich Zeitrafferfotos und Daten von Lasermessungen aus dem Garwood Valley angesehen, einem der Antarktischen Trockentäler.

Dort gibt es zwar keine steigenden Temperaturen, wohl aber geänderte Wettermuster. Bei der Auswertung ihrer Daten fiel den Forschern auf, dass der Permafrost zwischen 2001 und 2012 kontinuierlich abnahm. Und mit jedem Jahr lief der Verlust schneller ab.

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