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Gehirn beurteilt Menschen in Millisekunden

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Baku, den 8. August (AZERTAG). Ist ein Mensch vertrauenswürdig oder nicht? Um das zu beurteilen, braucht das Gehirn offenbar nur Millisekunden - noch bevor es das Gesicht des Gegenübers überhaupt bewusst wahrgenommen hat.

Man bekommt nie eine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen - eine Binsenweisheit, deren Wahrheitsgehalt Wissenschaftler jetzt auf beeindruckende Art bestätigt haben. Denn sollte ihre Interpretation von Hirnscans zutreffen, entsteht der erste Eindruck nicht nur schnell, sondern auch unbewusst: Das Gehirn fällt in Millisekunden ein Urteil darüber, ob jemand vertrauenswürdig ist oder nicht.

Das Team um Jonathan Freeman von der New York University hat Vorgänge in der Amygdala untersucht. Die Hirnregion, auch Mandelkern genannt, spielt eine wichtige Rolle für Emotionen - und damit auch bei der Entscheidung, ob jemand vertrauenswürdig ist oder nicht. So viel war bereits aus früheren Studien bekannt. Neu ist allerdings, dass die Amygdala offenbar auch in der Lage ist, ein komplexes Signal wie die Vertrauenswürdigkeit von Gesichtszügen zu verarbeiten, ohne dass das Gesicht überhaupt bewusst wahrgenommen wird.

„Die Ergebnisse passen zu anderen Forschungsergebnissen, die nahelegen, dass wir unser Urteil über andere Menschen spontan fällen, ohne dass das Bewusstsein hinzugezogen wird“, meint Freeman.

Die Forscher hatten mehrere Experimente durchgeführt, bei denen sie die Gehirnaktivität in der Amygdala ihrer Probanden maßen, während diese sich Porträts anschauten. Dabei kamen standardisierte Bilder von menschlichen Gesichtern und computergenerierte Gesichtsbilder zum Einsatz. Bei letzteren waren besonders die Gesichtszüge betont, von denen man weiß, dass Menschen sie nutzen, um die Vertrauenswürdigkeit ihres Gegenübers zu beurteilen. Dies sind zum Beispiel Position und Form von Augenbrauen und Wangenknochen.

Um herauszufinden, wie schnell das Gehirn die Informationen über das Gesicht verarbeitet, tricksten die Forscher das Denkorgan aus: Sie zeigten den Probanden erst für wenige Millisekunden das Bild eines Gesichts und direkt im Anschluss ein anderes Bild, das mit dem ersten nichts zu tun hatte. So konnten sie verhindern, dass die Informationen, die das Gehirn sich aus den Gesichtszügen der betrachteten Porträts geholt hatte, weiter verarbeitet werden.

Wie die Wissenschaftler im „Journal of Neurosciences“ schreiben, konnten sie bei allen Probanden verstärkte Aktivität in der Amygdala messen - sowohl beim Betrachten der vertrauenswürdigen als auch der weniger vertrauenswürdigen Gesichter. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Amygdala eine viel wichtigere Rolle bei der Verarbeitung von sozialen Stimuli einnimmt, als wir bisher dachten“, sagt Freeman.

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