GESELLSCHAFT


Gipfel in Paris:195 Staaten verhandeln am Montag über das Schicksal unserer Welt

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Baku, 28. November, AZERTAC

Am Montag beginnt der wichtigste Termin des Jahres. In Paris verhandeln darüber, ob unsere Erde halbwegs gesund bleibt. Die Mächtigen der Welt müssen ihren Bevölkerungen jetzt Opfer abverlangen.

Krieg, Terror, Schuldendrama, Migration - 2015 war ein Jahr der Krisen und brennenden Probleme. Politik wurde zum rastlosen Krisenmanagement mit ungewissem Ausgang. Und obwohl noch viele Brandherde schwelen. Die größte Herausforderung kommt erst noch. Denn die Krisen dieses Jahres mögen erschütternd sein, doch sie sind geografisch begrenzt. Ab Montag jedoch geht es ums Ganze. Um unseren Planeten, um unsere Zukunft, um die Lebensgrundlage der gesamten Menschheit.

Wir haben es in der Hand: Auf der Klimakonferenz in Paris wird sich beweisen, ob wir es ernst meinen mit dem Klimaschutz, ob wir unserer Verantwortung für uns und künftige Generationen gerecht werden, unsere Erde halbwegs gesund zu erhalten. Ob wir bereit sind, unser Konsumverhalten zu ändern, auf Bequemlichkeit und Wachstum, auf das ewige Mehr, Mehr, Mehr zu verzichten. Oder ob wir die Natur weiter ausbeuten wollen - mit verheerenden Folgen. Wissenschaftler haben gezeigt, welche gravierenden Folgen die Klimaerwärmung schon jetzt hat.

Die ersten 15 Jahre dieses Jahrtausends waren (mit einer Ausnahme) die 15 wärmsten seit Aufzeichnung der Daten.

Das Meereis am Nordpol, das Inlandeis der Antarktis und Grönlands sowie die Gletscher in den Gebirgen schmelzen.

Durch das Schmelzwasser der tauenden Gletscher und weil Meerwasser sich bei Erwärmung ausdehnt, steigt der Meeresspiegel. Sturmfluten werden gefährlicher.

Ganze Weltgegenden leiden häufiger unter Dürren, so die Mittelmeerregion und Westafrika.

Durch die Hitzewelle im Sommer 2003 starben in Mitteleuropa Zehntausende Menschen.

Es kommt noch schlimmer. Blasen wir im selben Maß wie bisher Abgase aus Kohle-, Öl- und Gasverbrennung in die Atmosphäre, könnte sich das Klima laut Weltklimarat IPCC bis Ende des Jahrhunderts um drei, vier oder noch mehr Grad erwärmen. Dann würden Teile unseres Planeten unbewohnbar werden: durch extreme Dürren, Hungersnöte, Überschwemmungen oder ganz einfach weil der Mensch dauerhafte Temperaturen von 60 Grad Celsius nicht erträgt. Die Folgen des Klimawandels können Konflikte in labilen Staaten verschärfen und noch mehr Menschen zur Flucht treiben. "Der Klimawandel ist an jedem Ort eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz", schreibt Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon in einem Gastbeitrag auf. Recht hat er.

Auf dem Mammutgipfel in Paris (20.000 Teilnehmer!) besteht die Chance, dieses Szenario zu mildern. Eine Erwärmung der Atmosphäre um maximal zwei Grad würde das ökologische Gleichgewicht der Erde wohl gerade noch verkraften. Die Delegierten aus 195 Ländern müssen jetzt zeigen, dass sie dieses Ziel wirklich ernst nehmen. Sie sollten einen konkreten Fahrplan beschließen, wie sie ihre vorgelegten Klimaschutzpläne in einem gemeinsamen Kraftakt ab 2020 verbindlich einhalten. Absichtserklärungen reichen nicht mehr. Schon gar nicht, wenn nach Strich und Faden getrickst wird. Zum Beispiel in China, das offenbar deutlich mehr Klimagase in die Atmosphäre bläst, als es bisher angegeben hat. Aber auch an Großkonzerne wie Volkswagen, die im Wachstumswahn ihre Kunden betrügen und mühsam erkämpfte Umweltstandards verletzen, sollte dieser Gipfel ein Signal senden: so nicht.

Die Delegationen von Obama, Putin, Li, Modi, Merkel und Co. verhandeln über das Schicksal unserer Welt. Jetzt müssen sie liefern, Weitsicht und Entschlusskraft beweisen - und den Mut, sich auch mit der Wirtschaft ihres eigenen Landes anzulegen, ihrer eigenen Bevölkerung Verzicht zuzumuten. Es braucht Mut

- von den USA, die unter Präsident Obama zu einem der größten Öl- und Gasproduzenten aufgestiegen sind,

- von China, das seinen Wirtschaftsaufschwung mit einer permanenten Vergewaltigung der Natur erkauft und ganze Regionen mit Kohle-Smog vernebelt,

-von Indien, das mehr und mehr Kohle verfeuert und hinter China und den USA zum drittgrößten Treibhausgas-Produzenten aufgestiegen ist

Der Gipfel könnte zu einem historischen Ereignis werden, wenn er die Basis für einen neuen Pakt legt: China und Indien müssen bereit sein, ihr Wirtschaftswachstum ökologisch nachhaltiger zu organisieren. Und die westlichen Länder, die sich ihren Wohlstand auch auf Kosten des Weltklimas erarbeitet haben, müssen den Geldbeutel weit aufmachen, um Entwicklungs- und Schwellenländern beim Klimaschutz zu helfen.

Ein kluger Hebel für einen dauerhaften Klimaschutz kann ein globaler, fairer und vor allem ehrlicher Emissionshandel sein. Mit einer an den Klimazielen orientierten, strikt begrenzten Menge an Zertifikaten, die Unternehmen untereinander handeln können. Der Preis solcher Zertifikate darf allerdings nicht so gering sein wie jetzt in Europa, sonst greift der Hebel nicht. Und es dürfen auch nicht einzelne Sektoren wie Verkehr oder Landwirtschaft ausgenommen werden.

Am Ende zählen Taten. Nur ein Abkommen mit verbindlichen, nachprüfbaren Zielen zur CO2-Reduktion und Sanktionen bei Verstößen kann die Lebensgrundlage für Millionen Menschen erhalten. Ein mutiger Klimavertrag würde die künftige Migration nach Europa nachhaltiger begrenzen als Zäune und Transitzonen.

Es geht ab Montag also ums Ganze. Deshalb werden wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, mit einer umfangreichen Berichterstattung auf dem Laufenden halten. Unser Wissenschaftsressort beleuchtet den Kampf gegen den Klimawandel aus unterschiedlichen Perspektiven - mit Berichten und Reportagen von den Verhandlungen in Paris, mit Hintergründen und Analysen. Im Erklärformat "Endlich verständlich" finden Sie die wichtigsten Fakten. Wir zeigen Ihnen, wie der CO2-Ausstoß immer weiter zunimmt und wo auf der Welt der Klimawandel bereits heftig zu spüren ist. Wir stellen Ihnen Menschen vor, die gegen den Klimawandel kämpfen und im Kleinen erreichen, woran die Staatenlenker bisher im Großen gescheitert sind. Und auch nach dem Klimagipfel wird uns das Thema weiter beschäftigen. So wollen wir im kommenden Jahr in Zusammenarbeit mit dem European Journalism Centre eine Plattform zu nachhaltiger Entwicklung aufbauen.

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