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Hand spielt in der Evolution des Menschen eine besondere Rolle

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Baku, 20. August, AZERTAC

Das Ding ist nur ein paar Zentimeter lang - und doch begeistert ein Knochenfragment Anthropologen. Es soll von der Hand eines überraschend fortschrittlich ausgestatteten Vorfahren des Menschen stammen.

Die Hand spielt in der Evolution des Menschen eine besondere Rolle. Deswegen sind Fossilienfunde dieses Körperteils für Wissenschaftler besonders aufregend. Forscher um Manuel Dominguez-Rodrigo von der Universität Complutense im spanischen Madrid stellen nun in einem Fachartikel im Journal „Nature Communications“ einen Knochen vor, der von einer ganz besonderen Hand stammen soll. Es geht um das 1,85 Millionen Jahre alte Fragment eines Fingers. Es soll Teil der ältesten bekannten „modernen“ Hand eines menschlichen Vorfahren sein.

Der 3,6 Zentimeter lange Knochen eines kleinen Fingers wurde in einer bekannten Ausgrabungsstätte in der Olduvai-Schlucht in Tansania gefunden. Er gehörte nach Ansicht der Wissenschaftler zu einem OH86 („Olduvai Hominid 86“) genannten Vorfahren des Menschen, der womöglich mehr als 1,75 Meter groß war und damit größer als alle vorherigen oder zeitgenössischen menschlichen Vorfahren.

Kein anderer Primat könne so viele Handgriffe vollführen wie der Mensch, so Forscher Dominguez-Rodrigo. „Und diese Fähigkeit zu Handgriffen hat mit unseren Gehirnen interagiert, um unsere Intelligenz zu entwickeln - in erster Linie über die Entwicklung von Werkzeugen.“

Kennzeichen einer modernen Hand sind ein relativ langer Daumen, der einen besseren Griff ermöglicht, und gerade Fingerknochen - gekrümmte Fingerknochen waren für die menschlichen Vorfahren von Vorteil, als sie in den Bäumen lebten und sich von Ast zu Ast schwangen.

Vor rund sechs Millionen Jahren begannen die ältesten menschlichen Vorfahren auf zwei Beinen zu gehen, zeitgleich entwickelten sie längere Daumen. Ihre Fingerknochen blieben aber noch rund vier Millionen Jahre lang gekrümmt, vermutlich weil sie immer noch zeitweise auf Bäumen lebten.

Schwere Tiere nach der Jagd weggeschleppt - Erst als unsere Vorfahren endgültig den Boden vorzogen, wurden auch ihre Fingerknochen gerade. „Die Hände wurden von ihrer Aufgabe einer Fortbewegung in den Bäumen befreit und spezialisierten sich auf Handgriffe“, erklärte Dominguez-Rodrigo. Die ersten bekannten Steinwerkzeuge tauchten vor rund 2,6 Millionen Jahren auf. Manche Experten glauben, dass Homo habilis - der „geschickte Mensch“ - als erste Art diese steinernen Hilfsmittel herstellte. Allerdings haben Archäologen mittlerweile auch Schnittspuren an Knochen gefunden, die auf ein Alter von etwa 3,4 Millionen Jahren datiert werden.

Der Vorfahr OH 86, von dem der gefundene, gerade gewachsene Fingerknochen stammt, war vermutlich deutlich größer als der zeitgleich lebende Homo habilis. Das erklärt in Dominguez-Rodrigos Augen auch, wie unsere Vorfahren in der Zeit Hunderte Kilogramm schwere Tiere nach der Jagd von einem Ort zum anderen schleppen konnten, wie es Spuren nahelegen. „Ich habe mich immer gefragt, wie der Homo habilis, der nur etwas über einen Meter groß war, so große Tiere jagen konnte. OH86 ist ein besserer Kandidat, um die Anhäufung der tierischen Überreste zu erklärten.“

Andere Forscher warnten hingegen davor, vom Fund eines Fingerknochens ausgehend zu weitreichende Schlussfolgerungen zu ziehen: „Dieser einzelne Knochen sagt uns nichts darüber, wie der Rest der Hand aussah, und noch weniger, wie der Rest des Skeletts aussah“, schrieb Tracy Kivell von der Universität Kent. Ähnlich äußerte sich Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

 

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