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Haut kann atmen, sehen, rechnen

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Baku, 21. August, AZERTAC

Wenn Menschen einander berühren, beginnt ein faszinierendes Konzert der Sinneseindrücke. Die Wissenschaft ist dabei, die Haut neu zu entdecken.

Die Sinne der Haut rücken zunehmend in den Fokus von Psychologen und Medizinern. Dank neuer Methoden der Bildgebung und Biotechnologie können sie die Haut bis in kleinste Details erforschen. Ihnen offenbart sich ein von der Evolution perfektionierter Schutzmantel, eng verwoben mit Immunsystem, Nerven und Psyche, bei dem sich schon kleinste Fehlfunktionen gravierend auf das Wohlbefinden auswirken können. In der Haut treffen Innen- und Außenwelt aufeinander, an dieser Schnittstelle wird der Menschen seiner Existenz als körperliches Wesen gewahr.

Eine Reihe faszinierender Studien hat gezeigt, wie Berührungen und haptische Wahrnehmung unsere Stimmung und unser Denken beeinflussen. Eine Kellnerin wird eher Trinkgeld bekommen, wenn sie ihre Kunden einmal leicht berührt hat; Patienten, die vom Arzt berührt wurden, überschätzen die Zeit, die der Arzt ihnen gewidmet hat; Testpersonen, die sich berühren, kooperieren während eines Spiels mehr. Dennoch haben sich Sinnesforscher für den Tast- und Berührungssinn lange Zeit wenig interessiert, traditionell gilt er gegenüber Auge und Ohr als primitiv und weniger bedeutsam. Physiologisch ist er schwierig zu erforschen: Das Organ des menschlichen Tastsinns ist die gesamte, knapp zwei Quadratmeter große Haut, über die ein Geflecht aus vielen Millionen feiner Nerven und Rezeptoren verstreut ist. Das erscheint unübersichtlicher als ein Auge oder Ohr.

Dabei hat der Tastsinn eine existenzielle Bedeutung. Wir kennen inzwischen über 500 verschiedene Mutationen, die Taubheit oder Schwerhörigkeit verursachen. Dagegen wird niemand ohne Tastsinn geboren. Ohne den Tastsinn, davon gehen die Wissenschaftler inzwischen aus, wäre ein Fötus schlicht nicht überlebensfähig.

Unsere Säugetierhaut hat sich über viele Millionen Jahre entwickelt. Einfache wirbellose Meerestiere wie Schwämme oder Quallen besitzen eine Hülle aus nur einer Zellschicht. Schon die zweischichtige Haut von Fischen ist von Nerven und Sinneszellen durchzogen und produziert schützenden Schleim. Doch erst als die Wirbeltiere das feste Land betraten, entstand eine dritte Hautschicht. Sie produzierte Keratin-Proteine und brachte schließlich das hervor, was die Anthropologin Nina Jablonski als den bedeutsamsten Schritt in der Evolution der Wirbeltierhaut bezeichnet: Das Stratum corneum, besser bekannt als Schuppen, Federn, Haare oder Hornhaut.

Durch ihre harten Hornplatten waren Reptilien nun hervorragend vor Verletzungen und Austrocknung geschützt. Die Keratinzellen der warmblütigen Säugetiere wiederum brachten das isolierende Haarkleid hervor und sind zudem von einer dünnen Hornschicht bedeckt – damit entstand die uns vertraute trockene und so wunderbar feinfühlige Oberfläche.

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