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Helicobacter-pylori-Therapie und Gewichtszunahme

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Baku, 1. Juni, AZERTAC

Eine 32-Jährige leidet immer wieder unter Durchfall. Weil wiederholte Antibiotika-Therapien die Erreger nicht dauerhaft abtöten, schlagen die Ärzte eine Fäkalientransplantation vor. Diese gelingt - hat aber unerwartete Folgen.

Als die 32-jährige Amerikanerin von ihrem Arzt ein Antibiotikum gegen eine bakterielle Scheideninfektion bekommt, ahnt sie nicht, was ihr nach dieser Therapie bevorsteht. Zunächst ist sie froh, dass die Beschwerden verschwinden. Nach einiger Zeit bekommt sie allerdings Durchfall und Bauchschmerzen. Als die Probleme nach drei Wochen nicht verschwinden, hat ihr Hausarzt einen Verdacht: Möglicherweise hat die Antibiotika-Therapie den Darm der Frau anfällig gemacht für ein bestimmtes Bakterium, das sogenannte Clostridium difficile (C. difficile).

Das Stäbchenbakterium ist für gesunde Menschen harmlos, in Krankenhäusern zählt es allerdings zu den häufigsten Keimen und ist dort gefürchtet. Verdrängt eine antibiotische Behandlung Bakterien der normalen Darmflora, können die Clostridien auch für Gesunde gefährlich werden, denn sie schütten Toxine aus, die schwere Durchfälle auslösen können.

Die Patientin ist eigentlich gesund, wiegt seit Jahren 68 Kilogramm und ist mit einem Body-Mass-Index von 26 nur leicht übergewichtig (als normalgewichtig gelten Menschen mit einem BMI zwischen 19 und 25). Auch die körperliche Untersuchung ist unauffällig.

Zehn Tage lang schluckt die Patientin das Antibiotikum Metronidazol gegen die Infektion. Die Arznei hilft aber kaum, nach Beendigung der Therapie geht es der Frau sogar schlechter, der Durchfall und die Bauchschmerzen kehren zurück. Im Stuhl weist der Arzt jetzt C. difficile nach und verschreibt eine 14-tägige Therapie mit dem breit wirksamen Antibiotikum Vancomycin. Weil er zudem auch das Magen-Bakterium Helicobacter pylori findet, bekommt die Frau noch zwei weitere Antibiotika kombiniert mit einem Säurehemmer.

Rückschlag nach jeder Antibiotika-Therapie

Wenige Wochen später verstärken sich ihre Beschwerden erneut und der Arzt weist wieder C. difficile nach. Auch eine anschließende zwölfwöchige Antibiotika-Therapie kann nicht verhindern, dass die Erreger zurückkehren, ebenso wenig wie der Wechsel des Medikaments. Die Frau ist frustriert. Wie soll sie jemals ihre heftigen Schmerzen und die Durchfälle loswerden, wenn die Bakterien nach den Antibiotika-Therapien immer wieder da sind?

Im Miriam Hospital in Providence (US-Bundesstaat Rhode Island) machen die Ärzte ihr einen Vorschlag, wie sie im „Open Forum Infectious Diseases“ berichten: Sie bieten der Frau eine sogenannte Fäkaltransplantation an. Dabei wird Stuhl von einem gesunden Menschen auf den Kranken übertragen. Das verpflanzte Material enthält Milliarden nützlicher Darmbakterien, die den Empfänger wieder gesund machen sollen. Bei dem Vergleich zweier Patientengruppen mit C. difficile, von denen die eine Hälfte mit Antibiotika und die andere mit der Fäkaltherapie behandelt wurde, beobachteten Amsterdamer Ärzte Erstaunliches. Vier von 13 mit Antibiotika behandelten Probanden wurden gesund. Die Fäkaltherapie dagegen heilte 15 von 16 Patienten.

Die Frau will die Therapie wagen, zumal sich ihre 16-jährige, gesunde Tochter als Spenderin zur Verfügung stellt. Zwei Wochen später wird die Transplantation durchgeführt - mit Erfolg. Ihre Bauchschmerzen und die Durchfälle nehmen ab und C. difficile ist nicht mehr nachweisbar.

Keine Chance gegen das Übergewicht? - 16 Monate später stellt sich die Frau wieder vor - allerdings mit einem ganz anderen Problem: Sie hat trotz zahlreicher Diätversuche, Bewegungsprogramme und medizinisch überwachter, flüssiger Protein-Nahrung 17 Kilogramm zugenommen. Sie wiegt jetzt 85 Kilogramm und ist damit mit einem BMI von 33 adipös. Eine hormonelle Störung der Cortisolproduktion oder der Schilddrüse können die Ärzte ausschließen. Die Frau leidet nun unter Völlegefühl, Übelkeit und Verstopfung.

Kann es sein, dass die Stuhltransplantation die Verdauung und die Darmflora der Frau so durcheinander gebracht haben, dass sie unweigerlich zunimmt? Die Internisten um Neha Alang, die die Patientin behandelt haben, halten das zumindest für möglich. Zwar war die Tochter zum Zeitpunkt der Transplantation nur leicht übergewichtig - sie wog rund 63 Kilo, was einem BMI von 26,4 entsprach. In der Folgezeit nahm sie jedoch 13 Kilo zu, womit sie dann eindeutig übergewichtig war. In Tierversuchen habe man schon beobachtet, dass Stuhltransplantationen zu Übergewicht beitragen können, so die Autoren.

In der Fachzeitschrift diskutieren die Ärzte, ob eventuell die erfolgreiche Therapie gegen die Clostridien den Appetit der Frau stark angeregt haben oder ob die Helicobacter pylori-Behandlung Schuld sein könnte. „Es ist bekannt, dass es eine Verbindung gibt zwischen einer Helicobacter-pylori-Therapie und Gewichtszunahme“, schreiben die Autoren. Diese führe man zurück auf die steigenden Konzentrationen von Grhelin, einem appetitanregenden Hormon. Ebenso kommen aber auch genetische Faktoren und das Alter als Auslöser in Frage.

Abschließend können die Mediziner die Fragen nicht beantworten, die ihre rätselhafte Patientin aufwirft. Für die Zukunft machen sie sich aber zum Ziel, bei Stuhltransplantationen nur noch Material von normalgewichtigen Spendern zu verwenden. Ihrer Patientin können sie indes nicht helfen: Weitere 20 Monate später hat sie noch mal 3,5 Kilogramm zugenommen.

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