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Im Darm des Aasgeiers florieren Keime, die andere Tiere umbringen würden

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Baku, 29. November, AZERTAG

Wie überstehen Aasgeier den Giftcocktail, der sich im Kadaverfleisch bildet? Eine Analyse ihres Verdauungstraktes gibt Aufschluss: In ihren Därmen florieren Keime, die andere Tiere umbringen würden.

Im Verdauungstrakt von Geiern tummelt sich eine einzigartige Bakteriengemeinschaft – die viele andere Wirbeltiere kaum überleben könnten. Wie die erste Analyse der Darmflora solcher Aasfresser zeigt, ist das extrem saure Darmmilieu erstaunlich artenarm.

Die Darmflora werde dominiert von Gruppen, die bei Menschen und anderen Vögeln schwere Krankheiten verursachen. Das berichtet das internationale Team um Lars Hestbjerg Hansen von der Universität Aarhus in der Zeitschrift „Nature Communications“.

Die Forscher wollten klären, wie Geier den Cocktail an Giftstoffen überstehen, der sich im verrottenden Fleisch von Kadavern bildet. Zudem gelangen die Vögel bei Aas mit noch intakter Haut durch natürliche Öffnungen in den Körper, meist durch den Anus. Dabei ziehen sie sich weitere Keime zu, die für andere Wirbeltiere hochgefährlich sind.

Um die Bakterien zu ermitteln, untersuchten die Mikrobiologen Gesicht und Dickdarm der beiden häufigsten Geierarten in den USA – Truthahngeier (Cathartes aura) und Rabengeier (Coragyps atratus).

Die Analyse lieferte ein überraschendes Ergebnis: Auf den Gesichtern der insgesamt 50 Geier fanden die Forscher im Mittel 528 Gruppen von Mikroorganismen, im Dickdarm dagegen nur 76.

Dies erklären sie damit, dass die Geier bei der Nahrungsaufnahme mit extrem vielen Keimen in Kontakt kommen. Aber nur wenige davon überstehen offenbar die Reise durch den äußerst sauren Verdauungstrakt.

Auffällig ist, dass der Darm von zwei Bakteriengruppen dominiert wird, die bei anderen Wirbeltieren – darunter Säugetieren und Vögeln – schwere Krankheiten verursachen: Clostridia und Fusobacteria.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Geier sich stark an den Umgang mit den giftigen Bakterien, die sie verdauen, angepasst haben“, sagt Erstautor Michael Roggenbuck von der Universität Kopenhagen. "Einerseits haben Geier ein extrem zähes Verdauungssystem entwickelt, das die Mehrheit der gefährlichen Bakterien einfach zerstört. Andererseits haben Geier anscheinend eine Toleranz für einige der tödlichen Bakterien – Arten, die andere Tiere umbringen würden, scheinen im Geierdarm zu florieren.“

Doch offenbar tolerieren die Vögel nicht nur die Giftstoffe dieser Mikroorganismen. Vermutlich profitieren sie sogar davon, dass diese das Aas im Darm zersetzen und damit wichtige Nährstoffe liefern.

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