GESELLSCHAFT


In China sollen Flammen den Körper heilen

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Baku, den 16. Juli (AZERTAG). Seit Jahrhunderten lassen Heiler in China Flammen über die Körper von Kranken tanzen. Mit der Feuertherapie sollen Stress, Unfruchtbarkeit oder gar Krebs beseitigt werden. Beweise dafür gibt es nicht.

In einer schmuddeligen Wohnung in Peking gießt ein Therapeut Alkohol über einen Patienten und entfacht dann per Feuerzeug ein blau-orangefarbenes Mini-Inferno: Was westliche Zuschauer schockiert, wird in der chinesischen Volksmedizin seit Jahrhunderten praktiziert. Viele schwören auf die sogenannte Feuertherapie, die Stress, Verdauungsstörungen, Unfruchtbarkeit und sogar Krebs heilen soll. Nun sorgte sie für Wirbel in den chinesischen Medien.

Für ihre Wirksamkeit gibt es keine schulmedizinischen Beweise, was einen der bekanntesten Feuertherapeuten wenig beeindruckt: „Feuertherapie übertrifft sowohl die chinesische als auch die westliche Medizin“, sagt Zhang Fenghao. Einige Therapeuten betonen, die Moxibustion – die Stimulierung von Akupunkturpunkten durch Wärme – habe sich schließlich seit Langem bewährt.

Zhang nimmt umgerechnet rund 35 Euro für eine Stunde Behandlung und unterrichtet auch Schüler in der Wohnung. Zunächst reibt er eine Kräutersalbe auf den Rücken des Patienten, bedeckt ihn mit einem Handtuch und tränkt dies mit Wasser und einer 95-prozentigen Alkohollösung. „Mit dieser Methode können Patienten Operationen vermeiden“, sagt er stolz.

Patient Qi Lijun liegt gelassen auf dem Bauch, während Zhang Flammen über seiner Wirbelsäule tanzen lässt. „Es fühlt sich warm an, nicht schmerzhaft, nur warm“, sagt der 47-Jährige, dessen Gedächtnis und Beweglichkeit beeinträchtigt sind, seit er eine Hirnblutung erlitt. „Ich glaube, es wirkt.“

In China, wo die staatliche Gesundheitsvorsorge beschränkt ist und viele Bürger sich für chronische Krankheiten keine teure Behandlung leisten können, stehen alternative Therapieformen hoch im Kurs – auch bei der 49-jährigen Zhao Jing, die an chronischen Rückenschmerzen leidet. Zunächst zögerte sie mit einer Feuertherapie, doch inzwischen sagt sie: „Nachdem ich mich gründlich über alles informiert hatte, hatte ich keine Angst mehr.“

Die Methode beruht auf dem traditionellen Volksglauben, nach dem im Körper ein Gleichgewicht zwischen heißen und kalten Elementen herrschen muss. „Wir entzünden ein Feuer auf dem Körper, das die Kälte aus ihm vertreibt“, erklärt Zhang. Nach eigener Darstellung hat er auch schon ausländische Diplomaten und ranghohe chinesische Beamte mit Flammen behandelt.

Aktuell hat die Feuertherapie Aufsehen erregt, als im Juli in den sozialen Medien des Landes Fotos einer Hodenbehandlung verbreitet wurden. „Wie gar hätten sie ihr Fleisch denn gern?“, witzelte ein Mikroblogger auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Sina Weibo.

Die staatlichen Medien versuchten, die Begeisterung mit Berichten über zwielichtige Therapeuten zu dämpfen, die teils ohne Zertifizierung arbeiteten und oft zur Brandbekämpfung nur einen Eimer Wasser bereitstellten. „Es gab Verletzungen, Patienten erlitten Verbrennungen auf Gesicht und Körper, wegen mangelnder Standards“, sagt Zhang. „Aber ich habe Zehntausende Schüler unterrichtet und wir haben nie einen Unfall erlebt.“

Bisher findet die Methode wenig Beachtung in der medizinischen Fachpresse. Zhang wird in einigen Publikationen über die traditionelle chinesische Medizin gewürdigt, die auch in den Klinken des Landes weit verbreitet ist. Die Industrie ist lukrativ: Nach offiziellen Zahlen produzierte sie im Jahr 2012 Güter im Wert von umgerechnet 61 Milliarden Euro.

Für Zhang ist die Therapie revolutionär. „Ein feuerspuckender Drache kam auf die Erde und verhalf einer geheimnisvollen Therapie zum Durchbruch“, rezitiert er aus einem Gedicht. "Die Medizin braucht eine Revolution, die Feuertherapie ist die Lösung.“

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