GESELLSCHAFT


In Indien sterben die Armen noch immer an Infektionskrankheiten

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Baku, 21. Juli, AZERTAC

Im boomenden Indien passiert gerade alles auf einmal. Die Armen sterben noch immer an Infektionskrankheiten, während die Mittelschicht mit Bluthochdruck und Diabetes kämpft.

Nicht einmal sitzend hält es Indiens Finanzminister Arun Jaitley aus. Während einer Rede im Parlament nippt der 62-Jährige immer wieder an seinem Wasser, schließlich braucht er eine fünfminütige Pause, weil sein Rücken so sehr schmerzt. Wenig später liegt Jaitley auf einem OP-Tisch. Er lässt sich seinen Magen verkleinern.

Der Finanzminister ist kein Einzelfall in der indischen Führungsriege. Auch den Ministern Nitin Gadkari und Venkaiah Naidu wurde die Vorliebe für indische Snacks und Süßigkeiten zum Verhängnis, auch sie haben sich unters Messer gelegt. Die drei stehen exemplarisch für den wohlhabenden Teil der indischen Bevölkerung, Herz-Kreislauf-Krankheiten haben Infektionskrankheiten oder Durchfall als häufigste Todesursache abgelöst.

Verschwunden sind Tuberkulose, Malaria, Dengue und Atemwegsinfekte dennoch nicht, auch Mangelernährung ist noch weit verbreitet. Rund 30 Prozent der indischen Kleinkinder seien noch immer unterernährt, heißt es in einer Studie, die das UN-Kinderhilfswerk Unicef mit der indischen Regierung erstellt hat. Das sind mehr als in Afrika südlich der Sahara. Fast die Hälfte der Haushalte in Indien hat keine Toilette, die hygienischen Mängel begünstigen Durchfall.

16 Jahre alt, 190 Kilogramm schwer - Dennoch verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen arm und reich, zwischen dick und dünn immer mehr in Richtung Wohlstandskrankheiten. Vor zehn Jahren war die Gefahr, in dem aufstrebenden Schwellenland an einer nicht übertragbaren Krankheit wie einem Herzleiden zu sterben, noch etwa so hoch wie die Gefahr, einer Infektionskrankheit zu erliegen. Heute beträgt sie laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Doppelte.

Zu den Übergewichtigen gehören auch die beiden Brüder Vijay, 16, und Suresh, 20. Als sie sich ihren Magen verkleinern ließen, wogen sie 190 beziehungsweise 150 Kilogramm. „Suresh konnte kaum ein paar Schritte laufen und keuchte. Er hatte Bluthochdruck und hohen Blutzucker“, sagt Mutter Sonu Lugani. „Wir aßen unkontrolliert viel Junk Food, machten keinen Sport und saßen den ganzen Tag am Computer“, meint Suresh.

Sein Arzt Vivek Bindal am Gangaram Hospital in der Hauptstadt Neu Delhi führte im vergangenen Jahr 250 Magenverkleinerungen durch. Vor fünf Jahren waren es ein Zehntel so viele. Ein ähnlicher Anstieg wird landesweit geschätzt. Übergewicht werde von vielen Indern nicht als Krankheit betrachtet, erklärt der Arzt Aniruddh Vij vom wissenschaftlichen Institut Pushpawati Singhania. „Das gilt einfach als normal - als etwas, das mit dem Alter kommt, oder es wird sogar als Zeichen von Wohlstand gedeutet“, sagt er.

Bewegung unerwünscht - Während die Zahl der Diabetes-Kranken zwischen 1990 und 2013 weltweit um 45 Prozent zunahm, gab es in Indien ein Plus von 123 Prozent, erklärte das US-amerikanische Institute of Health Metrics and Evaluation (IHME). 60 Millionen Menschen gelten als Übergewichtig.

Groß angelegte Aufklärungsprogramme oder Vorsorgekampagnen des Ministeriums fehlen jedoch bislang. Kaum ein Mittelschicht-Inder in den Millionenmetropolen geht irgendwohin zu Fuß. Selbst ein Liter Milch oder eine Medikamentenpackung wird per Telefon bestellt und von Laufburschen an die Tür gebracht.

Wegen der mangelnden Sensibilisierung wisse kaum jemand Bescheid über gesunde Ernährung und die Vorteile von Sport, kritisiert der Arzt Atul Gogia am Gangaram Hospital in Delhi. „Wir rühmen uns immer damit, so ein gewaltiges Arbeitskraftpotenzial zu haben, aber was bringt uns das, wenn unsere Erwerbsbevölkerung krank ist?“

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