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In Peking sind neue Trends zu beobachten

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Baku, 29. April, AZERTAC

Chinesen mögen bunte Beleuchtung im Pkw, Duftspender und einen Abstellplatz für den Glücksbringer. Konzerne wie Mercedes oder BMW liefern. Das wird Auswirkungen auf unsere Autos haben.

Oliver Boulay glaubt zu wissen, was Chinesen von Autos erwarten: "Außen mehr Glanz und Glitter, innen mehr Farben und Flatscreens und für jeden Handgriff ein Helfer", sagt der Mercedes-Designer.

Außerdem verlangt die Kundschaft aus Fernost seiner Erfahrung nach einen speziellen Stauraum für die unvermeidliche Papiertücherschachtel, Ladebuchsen für mindestens zwei Handys sowie Platz für einen Glücksbringer. Den wollen laut Marktforschung immerhin 44 Prozent der Kunden im Auto aufhängen oder abstellen.

Wird damit auch in den Autos für den europäischen Markt mehr Platz für Maskottchen und Taschentücher geschaffen? Schon seit Jahren wird darüber spekuliert, in welchem Maß der chinesische Geschmack das Automobildesign im Allgemeinen prägt. Konkrete Beispiele für solche China-Exporte gibt es bereits: Duftspender, Handschriftenleser oder bunte Ambientebeleuchtungen haben längst Einzug in unsere Autos gehalten.

"China ist unser wichtigster Markt", sagt Hans Georg Engel. Er leitet das Mercedes-Entwicklungszentrum in China. Für ihn steht fest: Chinesische Begehrlichkeiten werden von Daimler künftig gezielter bedient. Und das bedeutet, dass Design und Ausstattungen der Autos generell stärker aus Fernost beeinflusst werden. Es sei eine Frage der Zeit, so Engel, bis in seiner Entwicklungsabteilung in Peking nicht mehr nur Produkte für den lokalen Markt entstünden, sondern Fahrzeuge für die ganze Welt.

In Peking sind neue Trends zu beobachten - Die sogennannte R&D-Dependance (Research and Development) hat Mercedes in Peking vor 18 Monaten eröffnet, Engel plant laut eigenen Angaben dort weitere Neueinstellungen im dreistelligen Bereich - pro Jahr. Daimler ist kein Einzelfall: Auch BMW und der VW-Konzern sowie französische und amerikanische Hersteller stocken derzeit ihre Kapazitäten in China auf.

Der Grund für diese Dynamik ist einfach. Mit dem Anteil der Chinesen am globalen Fahrzeugabsatz wächst auch ihr Einfluss auf die Entwicklung.

"Die chinesischen Kundenwünsche zeigen viele Besonderheiten, auf die Hersteller reagieren müssen", sagt Automobilwirtschaftler Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. Auch der Marktforscher Franz-Rudolf Esch ist sich sicher, dass sich die Investitionen im Reich der Mitte lohnen: "Das erste und letzte Weltmodell nach dem Motto 'one size fits all' war das T-Modell von Ford", sagt er. Das Luxussegment sei zwar homogener als der Massenmarkt, doch auch dort gäbe es Variationen in der Ausgestaltung der Produkte.

Auf der Peking Motor Show finden sich etliche Beispiele für diese Variationen: Wer dort etwas auf sich hält, fährt nicht selbst, sondern sitzt hinten rechts und genießt ein paar Zentimeter zusätzliche Beinfreiheit. Europäische Hersteller haben deshalb eine Reihe von Limousinen in die Verlängerung geschickt:

Die E-Klasse von Mercedes reckt sich in Peking um weitere 14 Zentimeter, außerdem wurden elektrisch verstellbare Einzelsitze in den Fond gebaut. Sogar eine Neuheit im Bediensystem haben die Stuttgarter den Hinterbänklern zu bieten: Zum ersten und bislang einzigen Mal in einem Mercedes gibt es in der langen E-Klasse im Fond einen Touchscreen, mit dem man das Infotainment steuern kann.

Jaguar bietet eine Langversion des XF an, die ebenfalls um 14 Zentimeter gewachsen ist und vornehme Klapptische im Fond hat.

Der neue Audi A4 ist als A4L um neun Zentimeter verlängert worden.

BMW überträgt die Stretch-Strategie erstmals auch auf Geländewagen und zieht den X1 um zwölf Zentimeter in die Länge. Was das genau bedeutet, zeigt dieser Vergleich: In der eigentlich kleinsten SUV-Variante von BMW bietet sich dadurch mehr Beinfreiheit als in der größten, dem X5.

Auch VW hat für China einen Tiguan XL in Arbeit und Daimler-Mann Engel hält verlängerte Geländewagen ebenfalls für "the next big thing". Kein Wunder: In China macht der SUV-Anteil am Massenmarkt mittlerweile 50 Prozent aus.

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