WISSENSCHAFT & TECHNOLOGIE


In der Antarktis droht dem Larsen-B-Eisschelf der komplette Kollaps

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Baku, 15. Mai, AZERTAC

In der Antarktis droht dem Larsen-B-Eisschelf der komplette Kollaps. Ein großer Teil ist ohnehin bereits Geschichte, der Rest könnte binnen weniger Jahre folgen.

Gewiss, sie hatten davor gewarnt. Doch dass es so schnell und so brutal passieren würde, erschreckte Pedro Skvarca und Hernán de Angelis. Die beiden argentinischen Glaziologen waren zu einem Inspektionsflug über das Larsen-Eisschelf am Rand der Antarktischen Halbinsel aufgebrochen. Bei allen vorherigen Untersuchungen hatten sie durch die Fenster ihrer DHC-6 Twin Otter die unendliche Weite einer mehr als 200 Meter dicken Eisplatte gesehen. Seit mehr als 10.000 Jahren war sie dort gewesen. Doch im März 2002 schwammen unter dem Flugzeug der Forscher auf einmal nur noch einzelne Eisberge auf dem Wasser. Schon bald würden auch sie schmelzen. In den Zwischenräumen tummelten sich Wale, Seehunde und Seelöwen.

Innerhalb weniger Märztage im Jahr 2002 hatte das Larsen-B-Eisschelf mehr als 3200 Quadratkilometer verloren - eine Fläche größer als das Saarland. Ein Eisschelf, das ist eine große, auf dem Meer schwimmende Eisplatte. Von deren Kante brechen immer wieder Eisberge ab. Doch dass sich die Platte komplett auflöst, war eine dramatische Entwicklung. Das schauerliche Schauspiel, bei dem 720 Milliarden Tonnen Eis schmolzen, ließ sich auch aus dem All verfolgen. Der Kollaps gilt seitdem als Lehrbuchbeispiel, wie schnell die riesigen Eiszungen verschwinden können. Zumindest indirekt bestimmt ihr Schicksal auch den Anstieg des Meeresspiegels mit. Eine neue Beobachtungsreihe zeigt nun, dass auch der verbliebene Rest des Larsen-Eisschelfs wohl nur noch ein paar Jahre vor sich hat.

Im Fachmagazin „Earth and Planetary Science Letters“ berichten Wissenschaftler um Ala Khazendar vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) der Nasa im kalifornischen Pasadena, dass sich im verbleibenden Stück des Eisschelfs bereits große Risse entwickelt haben. Es geht um 1600 Quadratkilometer Eis - und bis zum Ende des Jahrzehnts könnte nun auch dieser Bereich verschwunden sein, warnen die Autoren des Artikels.

Diese Zahl sei eine „grobe Schätzung", schränkt Chris Borstad, einer der beteiligten Forscher. Es sei schwierig vorherzusagen, wann das Eisschelf genau kollabieren werde, sagt der Glaziologe, der derzeit am University Centre in Svalbard auf der norwegischen Arktisinsel Spitzbergen arbeitet.

Wichtig sei aber vor allem ein Befund, so Borstad: Zwei der drei Gletscher, die das verbleibende Schelfeis speisen, hätten bereits deutlich an Fahrt aufgenommen. Diese Gletscher, Leppard und Flask, seien um bis zu ein Drittel schneller geworden. Außerdem hätten sie auch rund 20 Meter an Dicke eingebüßt.

Eine Art Türsteher für die Gletscher - Und an dieser Stelle wird es delikat. Denn Eisschelfe tragen zwar nicht direkt zum Anstieg des Meeresspiegels bei - weil deren Eis ja schon vorher auf dem Meer schwamm wie Eiswürfel im Cocktail-Glas. Sie wirken aber wie eine Art Türsteher auf die Gletscher im Inland. Und wenn diese nach dem Verschwinden der Eisbarriere schneller fließen, dann lässt dieser Effekt die Pegel sehr wohl steigen.

Nach dem Abbruch im Jahr 2002 hatten manche Gletscher ihre Geschwindigkeit um das Achtfache gesteigert. Und nun wird klar: Die Gletscher können offenbar auch schon vor dem Verschwinden des Schelfeises mächtig zulegen. Das zeigt die neue Arbeit von Khazendar und seinen Kollegen.

Die Forscher hatten für ihre Auswertung sowohl Radardaten von Satelliten als auch Höhenmessungen von Flugzeugen aus verwendet. Die Nasa ist im Rahmen des Forschungsprogramms „Operation IceBridge“ mit Propellermaschinen über den Polargebieten unterwegs, um den 2009 ausgefallenen Satelliten „IceSat“ zu ersetzen.

Die Antarktis hat rund ein Dutzend Eisschelfe. Einige von ihnen, vor allem Ross- und Filchner-Ronne-Schelfeis, sind deutlich größer als das Larsen-Schelfeis je war. Auch um sie machen Forscher sich durchaus Sorgen - allerdings eher auf längere Sicht. Auf der Antarktischen Halbinsel, wo auch das Larsen-Eisschelf liegt, sind die Folgen der Erderwärmung dagegen jetzt schon stark zu spüren. Zum einen nagen warme Meeresströmungen die Schelfeisplatten von unten an, zum anderen sorgen große Mengen an Schmelzwasser auf der Oberseite der weißen Tafeln für Schäden. Das Wasser dringt tief in die Gletscherspalten ein und setzt mächtige Kräfte frei. Sie waren wohl auch Schuld am Verschwinden des größten Teils von Larsen B.

Ob der verbleibende Rest auch so spektakulär verschwindet wie damals 2002, da ist sich Forscher Chris Borstad nicht sicher. Wenn die Bedingungen stimmten, ein besonders warmer antarktischer Sommer, in dem sich viel Schmelzwasser auf dem Eis sammele, dann sei das aber durchaus möglich.

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