GESELLSCHAFT


Kanada will Ansprüche auf den Meeresboden am nördlichsten Punkt der Erde anmelden

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Baku, den 5. Dezember (AZERTAG). Bislang gehört der Nordpol zum gemeinsamen Erbe der Menschheit. Doch womöglich nicht mehr lange. Kanada will Ansprüche auf den Meeresboden am nördlichsten Punkt der Erde anmelden - und ist damit nicht allein.

Kanadas Ministerpräsident Stephen Harper hat ein Faible für den hohen Norden. Mindestens einmal im Jahr reist der konservative Regierungschef in die arktischen Zonen seines Landes. Dort referiert er vor den Kameras der mitgereisten Journalisten über die Wichtigkeit der menschenleeren Region für das Selbstverständnis seines Landes.

Kritiker werfen ihm allerdings vor, er belasse es bei wolkigen Ankündigungen. Jura-Professor Michael Byers von der University of British Columbia erklärte etwa, während Russlands Staatschef Wladimir Putin in der Arktis auftrete wie James Bond, sei Harper eher mit dessen Comedy-Kopie Austin Powers zu vergleichen.

Nun hat der so gescholtene Premier einem kanadischen Medienbericht zufolge Regierungsmitarbeiter angewiesen, sein Land solle Anspruch auf den Nordpol erheben. Die Zeitung „The Globe and Mail“ berichtet, der Premier habe darauf gedrängt, einen entsprechenden Antrag an die Vereinten Nationen zu überarbeiten. Konkret geht es um den Meeresboden in dem Gebiet.

Bei einer speziellen Uno-Kommission können Küstenländer die Ausweitung ihrer Gebietsansprüche weit ins Meer hinaus einfordern. Grundlage dafür ist das Uno-Seerechtsübereinkommen. Wer das unterschrieben hat, kann Ansprüche geltend machen - wenn der Staat beweisen kann, dass sich - vereinfacht gesprochen - seine Landmasse auch unter Wasser fortsetzt. Oder anders ausgedrückt: Zwischen dem Festlandsockel des Landes und dem beanspruchten Gebiet dürfen keine Tiefseebereiche liegen.

„Souveränität über den Norden absichern“ - Kanada will nun solch einen Antrag stellen, wie es auch zahlreiche andere Länder schon getan haben. Der Staat hat dazu über zehn Jahre lang seine Küstengewässer vermessen, für mehr als 200 Millionen kanadische Dollar. Die so zusammengestellten Dokumente sollen bis Freitag bei der zuständigen Kommission in New York abgeliefert werden. Dann läuft eine Frist ab, innerhalb derer Kanada seine Ansprüche anmelden kann.

Und Harper hat der Zeitung zufolge darauf gedrängt, dass dieser Antrag letzten Endes auch den Nordpol umfasst. Ursprünglich sei dieser nicht enthalten gewesen. Nun werde zunächst ein vorläufiger Antrag gestellt, der später auch um die Nordpolregion ergänzt werden solle. Die Uno-Regeln lassen so etwas zu.

Harpers Büro wollte den Bericht auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht kommentieren. Es teilte lediglich mit, dass Kanada dabei sei, „seine Souveränität über den Norden abzusichern“. Doch hat die Zeitung tatsächlich Recht, dann würde der Vorstoß politischen Zündstoff bergen. Auch Russland erhebt Anspruch auf das Gebiet rund um den Nordpol. Das weiß die Welt spätestens seit 2007. Damals hatte eine Expedition dort am Meeresgrund eine russische Fahne abgestellt. Die Aktion war zwar juristisch wirkungslos, doch gleichzeitig ein Hinweis auf die großen russischen Ambitionen in der Arktis.

Streit vor allem symbolischer Natur - Das Land hatte 2001 bereits einen Antrag bei der Uno gestellt, der auch den Pol umfasste. Dieser war zunächst von den Experten abgelehnt worden, weil diese Kritik am vorgelegten Datenmaterial hatten. Doch Russland hat inzwischen zahlreiche neue Messungen gestartet und wird seine Forderung mit diesen neuen Beweisen nachbessern.

Auch das von Dänemark vertretene Grönland könnte Anspruch auf den Nordpol erheben. Ein aktueller Antrag des Landes bei der Uno spart den Bereich vorläufig noch aus - und befasst sich stattdessen mit den Meeresgebieten vor Ostgrönland.

Der Streit um den Nordpol ist vor allem symbolischer Natur. Zwar verändert der Klimawandel die Arktis gewissermaßen im Zeitraffer - inklusive der Entstehung neuer Schifffahrtsrouten sowie der möglichen Förderung besser zugänglicher Rohstoffe. Doch das Gebiet um den Nordpol dürfte für Ölsucher eher uninteressant sein. Und auch Kapitäne von Frachtschiffen dürften sich in den kommenden Jahren nur selten dorthin verirren.

Bis die Uno-Experten entscheiden, werden voraussichtlich Jahre vergehen. Sie tagen im Geheimen, die eingereichten Unterlagen werden nur als Zusammenfassung veröffentlicht. Wenn es - wie vermutlich am Nordpol - überlappende Gebietsansprüche gibt, müssen sich die Staaten untereinander einigen. Die Kommission hat kein Mandat, um einen Streit zu schlichten.

 

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