WELT


Kinderarbeit, extrem niedrige Löhne, massive Überstunden

Baku, 7. Februar, AZERTAC

Yi Yis Fabrik, die auch für den deutschen Textilhändler Takko produziert, liegt in Burma. Der Bericht des Mädchens ist Teil einer Studie der niederländischen Organisation SOMO, die auf Recherchen zu multinationalen Unternehmen spezialisiert ist. Zwölf Fabriken hat SOMO zusammen mit lokalen Nichtregierungsorganisationen untersucht, mit 400 Arbeitern sprachen die Rechercheure im ersten Halbjahr 2016. (Hier finden Sie die Studie als PDF-Datei.)

Die Ergebnisse passen so gar nicht zu den Nachhaltigkeitsberichten der Textilkonzerne, in denen viel von sozialer Verantwortung die Rede ist. Extrem niedrige Löhne, massive Überstunden und Kinderarbeit sind in dem noch immer weitgehend vom Militär beherrschten Land demnach keine Ausnahme. Arbeitsverträge scheinen Mangelware. Viele Fabrikarbeiter kommen nicht mal auf den armseligen gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 2,48 Euro pro Tag. Die meisten leben in Slums, ohne Elektrizität und fließend Wasser.

Billigfabriken boomen - Kaum ein Land, resümiert die Studie, scheint derzeit vom unrühmlichen Billigwettlauf im Textilsektor mehr zu profitieren als Burma. Nach Angaben des dortigen Textilproduzenten-Verbands machen die Exporte des schnell wachsenden Kleidungssektors mit 1,46 Milliarden Dollar bereits zehn Prozent der Gesamtexporte des Landes aus - ein Großteil davon im Umfang von 423 Millionen Euro geht nach Europa.

Seit Sanktionen im Jahr 2013 aufgehoben wurden, boomen die Billigfabriken in Burma. Ihre Zahl wuchs von 130 auf rund 400. Konzerne wie das irische Unternehmen Primark und die schwedische Kette H&M machen sich diese Entwicklung offenbar zunutze.

Primark lässt zwar weiter in Burma fertigen, teilt aber mit, dass man die Zusammenarbeit mit den beiden im Bericht genannten Fabriken schon länger beendet habe. Warum, wird nicht genau erläutert. Stattdessen bemängelt Primark, dass der SOMO-Bericht sich "nicht auf Fakten, sondern lediglich auf Gespräche mit Fabrikarbeitern" stütze.

H&M war bereits im vergangenen Jahr von zwei schwedischen Autoren im Buch "Modesklaven" wegen Zuständen bei Zulieferern in Burma kritisiert worden. Die beiden Journalisten hatten recherchiert, wer tatsächlich den Preis für die günstige Ware des Unternehmens zahlt: Burmesische Mädchen nämlich, die bis zu 14 Stunden am Tag dafür schuften mussten. H&M berief sich damals darauf, dass es in Burma erlaubt sei, Kinder ab 14 Jahren in Fabriken arbeiten zu lassen.

Auch auf den SOMO-Report reagiert H&M ähnlich und beruft sich auf den Verhaltenskodex des Unternehmens. Kinderarbeit sei für H&M "total inakzeptabel", heißt es. Man habe "keine Anzeichen" dafür, dass Arbeiter unter dem gesetzlich zulässigen Alter von 14 Jahren beschäftigt werden. Überstunden, heißt es schwammig, seien eine "weitverbreitete Herausforderung". Sie dürften bei Lieferanten nur im legalen Bereich stattfinden, als Gehalt müssten diese "mindestens" Mindestlohn zahlen. Das stehe auch alles im Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens. Es klingt nach ausgelagerter Verantwortung, ein wenig wie: Was können wir dafür, wenn die sich nicht dran halten?

"Unbequeme Wahrheit" - Nicht viel besser als bei den H&M-Zulieferern sah es für die Arbeiter lange auch in der Takko-Fabrik aus. Hier sollen im Sommer sogar 13-Jährige als Hilfsarbeiter eingestellt gewesen sein. Erst durch ein Audit im August 2016 habe Takko Kenntnis über die Zustände in der Fabrik erlangt, sagte eine Sprecherin der Kette im münsterländischen Telgte.

Man habe daraufhin die eigene Methodik der Audits überarbeitet und den "ehemals beschäftigten jugendlichen Arbeitern ihre monatliche Kompensation" ausgezahlt, teilte die Takko-Sprecherin weiter mit. Inzwischen seien keine Jugendlichen unter 16 Jahren mehr dort beschäftigt, auch Überstunden gebe es nicht mehr.

Takko, das ist besonders pikant, ist seit 2011 Mitglied der Fair Wear Foundation (FWF). Die niederländische Organisation galt bisher als Maß für Glaubwürdigkeit im Textilsektor. Deren Mitglieder unterwerfen sich einer besonders rigiden Kontrolle. Nun allerdings wird dieser Ruf infrage gestellt.

Der Bericht, räumt eine Fair-Wear-Sprecherin ein, beleuchte eine "unbequeme Wahrheit": hundertprozentig faire Kleidung sei "nahezu unmöglich zu finden". Dafür seien die Zulieferketten zu komplex. Dennoch müssten FWF-Mitglieder weit mehr über ihre Lieferketten wissen und veröffentlichen als gemeinhin üblich. Auch länderspezifische Maßnahmen zur Implementierung von "anständigen Arbeitsbedingungen" seien Pflicht.

Elf FMF-Mitglieder werden demnach aus Burma beliefert, darunter befinden sich außer Takko auch Outdoorunternehmen wie etwa Salewa oder Vaude. Man ersuche die Unternehmen, völlig transparent zu agieren, auch in Bezug auf die Zulieferer dort, teilt FMF mit.

Das allerdings, sagt eine Sprecherin der Nichtregierungsorganisation SOMO, sei bis heute nicht geschehen. "Welche Marke sich aus Burma beliefern lässt, ist bekannt. Auch welche Fabriken dort für Fair-Wear-Firmen arbeiten, wird veröffentlicht." Was allerdings fehle, sei die Verknüpfung dieser Informationen: "Welcher Hersteller wo genau fertigen lässt, bleibt meist ein Geheimnis."

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