GESELLSCHAFT


Knapp die Hälfte der Krebspatienten wünscht sich seelische Unterstützung

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Baku, 25. September (AZERTAG). Die Diagnose Krebs erschüttert das Leben zunächst wie kaum ein anderes Ereignis. Sie bedroht die Existenz und konfrontiert den Erkrankten mit dem Tod – ungeachtet der tatsächlichen, oft hohen Heilungs- oder Überlebenschancen. „Krebs“ ist noch immer der Inbegriff einer heimtückischen und unvorhersehbaren Erkrankung.

Meist folgen eine Operation oder eine Strahlen- oder Chemotherapie, häufig auch beides. Eine Krebserkrankung verändert den Alltag und das bisherige Leben des Betroffenen radikal. Eine Chemotherapie hat - vorübergehend - viele körperliche Nebenwirkungen, etwa den Verlust von Haaren, Leistungsfähigkeit und Übelkeit. Zudem bringt die Behandlung oft auch die bisherigen sozialen Rollen in Familie und Beruf sowie die gesamte Zukunftsperspektive durcheinander. Die Diagnose macht einen Gesunden von einem Augenblick zum nächsten zu einem Patienten, dessen Leben scheinbar in den Händen von Medizinern liegt.

„Die Bedeutung der Psyche wird bei einer Krebserkrankung noch immer häufig unterschätzt“, erklärt Psychoonkologin Monika Keller von der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. „Krebs bringt neben den medizinischen Problemen unvermeidlich auch Ungewissheit, Ängste und tiefe Verunsicherung mit sich“, sagt sie. Und das „Gefühl des Ausgeliefertsein“, sagen viele Patienten, gehöre zu den schlimmsten psychischen Belastungen einer Krebserkrankung. Aber man kann etwas dagegen machen.

Vor allem sei es für den Willen, eine Therapie durchzuhalten, immens wichtig, dass der Patient die Kontrolle über sein Leben wiedergewinne. Dabei können wichtige Bezugspersonen, der Arzt oder ein Psychoonkologe helfen.

Das Bild der Psychoonkologie habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, erklärt Keller. Die Stigmatisierung der Patienten sei immer mehr weggefallen. „Psychoonkologie ist nicht die Behandlung von psychischen Störungen, sondern die Unterstützung von Menschen in einer Lebenskrise“, sagt sie. Dabei gehe es vor allem darum, dass Patienten - bei aller Verunsicherung und Angst - ihre Stärken und Fähigkeiten wieder entdecken und für sich nutzen können. „Die Psychoonkologie soll Motivation zur Selbsthilfe geben.“

Die Patienten nehmen psychoonkologische Angebote heute häufiger wahr als früher. Laut aktueller Zahlen wünscht sich knapp die Hälfte der Krebspatienten seelische Unterstützung. Psychoonkologische Beratungsstellen gibt es heute in fast jeder Klinik, die Tumorpatienten behandelt. (Einen Überblick über die Angebote hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) auf seiner Internetseite.) In einer aktuellen Befragung nannte fast die Hälfte von Krebspatienten in den USA Krebs als die Erkrankung, die sie vor allen anderen am meisten fürchten; 32 Prozent bezeichneten die Krankheit als die „größte Katastrophe“ in ihrem Leben.

„Häufig reicht es schon, wenn sich ein Patient mit Hilfe eines Therapeuten bewusst macht, dass er trotz der schweren Krankheit noch immer die Fäden in der Hand hält, dass er die Wahl hat und eigene Entscheidungen treffen kann“, sagt Keller. Denn niemand kann und will einen Patienten zu einer Behandlung zwingen. „Aber wenn ein Patient sich selbst für eine Behandlung entscheidet, bewältigt er auch eine belastende Therapie viel besser.“

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