GESELLSCHAFT


Luftverschmutzung kostet Frankreich 100 Milliarden Euro

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Baku, 21. Juli, AZERTAC

Krankheiten, Ernteeinbußen, verrußte Gebäude - die Luftverschmutzung kostet Frankreich einem Bericht zufolge 100 Milliarden Euro. Politiker fordern harte Gegenmaßnahmen.

Der Eiffelturm im Smog, Nizzas Promenaden unter Abgasschwaden, Smog-Warnschilder auf Autobahnen - Frankreichs Bürger leben mit der Luftverschmutzung. Doch die finanziellen Belastungen waren nicht einmal im Ansatz bekannt. Bis jetzt.

Ein Bericht des Senats beziffert erstmals die Kosten der gesamten atmosphärischen Umweltbelastungen. Er kommt auf eine Summe von 100 Milliarden Euro. Und hat damit politisch ordentlich Staub aufgewirbelt - und das nur fünf Monate vor dem vorweg als Weltereignis angekündigten Klima-Gipfel in der französischen Hauptstadt Paris.

Der Rapport der Enquetekommission fasst erstmals die gesamten finanziellen Folgen der schlechten Umweltbilanz zusammen - für Gesundheit, Landwirtschaft, Ökosysteme und sogar historische Bauten. „Zweimal mehr als die Folgen des Tabakkonsums“, schreibt die Tageszeitung „Le Monde“ zu dem Schock-Gutachten. „Ein Drittel der griechischen Schulden“, kommentiert „Le Parisien“ und titelt. „Luftverschmutzung - eine stratosphärische Rechnung“.

Das Gutachten, provokativ überschrieben mit „Die Kosten des Nichtstuns“, ist die Arbeit eines parteiübergreifenden Gremiums der französischen Regionalkammer. Die Kommission sichtete dazu vier Monate lang alle verfügbaren Studien, lud vier Minister vor und hörte mehr als 70 Experten an.

Weizenernte betroffen - Das Ergebnis, einstimmig von den 17 Senatoren verabschiedet, beziffert die Zahl der Toten durch Feinstaub und Ozon auf bis zu 45.000 vorzeitige Todesfälle - ausgelöst durch chronische Bronchitis, Asthma, Lungenkrebs, Schlaganfall, Herzinfarkt. Die Kosten dafür summieren sich laut Weltgesundheitsorganisation WHO allein für Frankreich auf jährlich rund 48 Milliarden Euro.

Rechnet man Arztbesuche, Krankenhausbehandlungen, Arbeitsausfälle und Invalidenrenten hinzu und addiert die Kosten für die Sozialversicherung, steigt der Betrag in Richtung 100 Milliarden Euro. „Eher noch unterbewertet“, meint Leila Aichi, Senatorin der Grünen und Urheberin der Enquete: „Die bisherigen Untersuchungen beschränken sich auf eine kleine Zahl von Schadstoffen und der Cocktail-Effekt deren Zusammenwirkens wird ganz und gar nicht erfasst.“

Hochgerechnet belaufen sich die Folgekosten der Luftverschmutzung für ganz Europa laut WHO auf rund 1400 Milliarden Euro - das entspricht etwa einem Zehntel des EU-Bruttoinlandproduktes. „Die Umweltverschmutzung ist nicht nur ein gesundheitlicher Wahnwitz“, folgern die Senatoren, „sondern auch eine ökonomische Absurdität.“

„Vor dem Ersticken“ - Feinstaub, Dieselabgase oder Ozon belasten auch Landwirtschaft, Bodenqualität und biologische Vielfalt. „Die Weizenernte in der Pariser Region“, so eine Studie der Umweltorganisation „Airparif“, „lag in den vergangenen 15 Jahren im Schnitt zehn Prozent unter dem Ertrag einer vergleichbaren Region ohne Umweltverschmutzung.“ Betroffen sind auch historische Bauten - die unlängst abgeschlossene Fassadenreinigung des Pariser Pantheons schlug mit 900.000 Euro zu Buche.

Betroffen sind jedoch nicht nur die Metropolen und deren Einzugsgebiete. Selbst zu Füßen des Mont Blanc, in den malerischen Tälern der Savoyen, einst gerühmt als Luftkurorte, sind die Belastungen durch die geographische Kessellagen drastisch gestiegen. Die Region zwischen Chamonix und Vallorcine bis nach Megève und Passy, konstatiert die Zeitung „Aujourd'hui En France“ dramatisch, „steht vor dem Ersticken.“

Die Ursachen für die landesweite Zunahme des Drecks sind bekannt: Veraltete Dieselmotoren verbreiten Feinstaub und Stickoxyde, die Industrie pustet CO2 und flüchtige organische Verbindungen in die Luft, private Ölheizungen oder Holz befeuerte Kaminöfen beteiligen sich mit Abgasen und Ruß.

Die Senatskommission belässt es nicht bei seiner pessimistischen Diagnose. Sie schlägt 60 konkrete Maßnahmen vor, um der "Plage" beizukommen. Weil in Frankreich zwei Drittel der Fahrzeuge mit Selbstzündern unterwegs sind (in Deutschland sind es knapp ein Drittel) soll Dieselkraftstoff binnen fünf Jahren so teuer wie Benzin werden.

„Harte Maßnahmen“ - In den Städten müssten vermehrt Elektrobusse rollen und schließlich soll die zwei Jahrzehnte alte Umweltgesetzgebung überholt werden mit strikteren Normen für die Luft.

„Nötig ist ein technologischer Bruch“, schreiben die Senatoren in ihrer Empfehlung, zumal „glaubwürdige Alternativen existieren.“ Und Senatorin Leila Aichi ergänzt: „Es gibt hier beachtliche Gelegenheiten für Wachstum und Beschäftigung.“

Umweltministerin Ségolène Royal reagierte prompt auf den erstickenden Bericht. Die Sozialistin will unverzüglich staatliche Entscheidungen veröffentlichen, darunter zunächst Restriktionen für den Autoverkehr in den Großstädten. Royal versprach wörtlich „harte Maßnahmen, schon nächste Woche.“

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