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Manche Froscharten können hören, obwohl sie keine Ohren haben

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Baku, den 3. September (AZERTAG). Einige Froscharten können hören, obwohl sie keine richtigen Ohren haben. Jetzt haben Forscher untersucht, wie sie das machen: Ihre Ohren sitzen gewissermaßen im Mund. Gardiner Seychellenfrösche (Sooglossae gardineri) zählen zu den kleinsten Vierbeinern der Welt. Ihr Körper misst nur rund einen Zentimeter – also nicht mehr als ein Käfer oder eine Hummel. Für Biologen sind die unscheinbaren Amphibien aber noch aus einem anderen Grund interessant: Sie können hören, obwohl sie keine Ohren haben. 

Das Mittelohr mit Trommelfell fehlt bei ihnen komplett. Trotzdem scheinen sie das Quaken ihrer Artgenossen wahrzunehmen. Wie machen sie das nur? Dieses Rätsel hat jetzt eine Forschergruppe um Renaud Boistel von der Universität Paris-Süd gelöst: Die winzigen Frösche tragen ihre Ohren gewissermaßen im Mund.

Zum Hören brauchen Tiere normalerweise zwei grundlegende Strukturen: das Trommelfell und die Gehörknöchelchen. Geräusche treffen als Schallwellen auf das Trommelfell und versetzen es in Schwingung. Diese Vibration wird über die Gehörknöchel ins Innenohr geleitet, wo die Haarzellen es in elektrische Signale verwandeln. Die Signale kann das Gehirn wiederum als Töne wahrnehmen und verarbeiten. Nicht nur Vögel und Säugetiere hören so, sondern auch die meisten Frösche. Das Mittelohr habe sich im Laufe der Evolution unabhängig bei verschiedenen Tierstämmen gebildet, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin PNAS.

Seychellenfrösche der Art Sooglossae gardineri sind eine Ausnahme. Sie haben kein Mittelohr. Deshalb vermuteten Boistel und sein Team zunächst, dass die kleinen Amphibien von Natur aus taub sind und nicht über Laute miteinander kommunizieren. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte: Als die Forscher ihnen Tonaufnahmen lärmender Artgenossen vorspielten, quakten sie zurück. Beim Quaken anderer Froscharten blieben sie dagegen stumm. „Das deutet darauf hin, dass die Frösche hören und zwischen verschiedenen akustischen Signalen unterscheiden können“, resümieren die Forscher.

Wie genau, fanden sie mit speziellen Röntgenaufnahmen heraus, die die Anatomie der zarten Tiere besonders detailliert abbildete. Die Bilder zeigten, dass die Mundhöhle der Frösche genau die richtige Größe hat, um bei einer Frequenz von 5,738 Hz zu schwingen – dem Frequenzbereich also, in dem sich auch die Quaklaute ihrer Artgenossen bewegen.

Zudem konnten die Forscher auf den Röntgenaufnahmen erkennen, dass Mundhöhle und Innenohr bei dieser Froschart nur durch wenige Gewebeschichten voneinander getrennt sind, die viel dünner sind als bei anderen Fröschen. Für Schallwellen dürften sie kaum ein Hindernis darstellen. Daraus schloss das Team, dass die Seychellenfrösche ihre Mundhöhle als Resonanzraum nutzen, um Töne aus dem Umfeld zu verstärken und über kleine Knochen ans Innenohr weiterzuleiten.

 

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