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Medikamente senken Unfallrisiko

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Baku, den 30. Januar (AZERTAG). Erwachsene mit ADHS sind überdurchschnittlich oft in schwere Verkehrsunfälle verwickelt, berichten Forscher aus Schweden. Wird die Störung mit Medikamenten therapiert, sinkt laut aktueller Studie das Risiko - allerdings nur bei Männern.

Das vorweg: In Deutschland erhalten Kinder und Jugendliche wahrscheinlich zu häufig die Diagnose ADHS. Infolgedessen stehen Medikamente gegen die Hyperaktivität zu oft auf dem Rezeptblock. Das schadet den falsch Diagnostizierten. Und für die, die tatsächlich unter ADHS leiden, macht das Image der Modediagnose das Leben auch nicht leichter.

Dabei ist ADHS sogar nicht nur ein Problem Heranwachsender, bei etwa einem Viertel der Betroffenen bleiben die Symptome auch im Erwachsenenalter bestehen. Weil es ihnen unter anderem schwerfällt, sich für längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, können sie Probleme im Berufsleben haben. Ein internationales Forscherteam berichtet im Fachjournal „Jama Psychiatry“ über eine weitere Gefahr für erwachsene ADHS-Patienten: Sie sind deutlich häufiger in Verkehrsunfälle verwickelt als Gleichaltrige ohne ADHS. „Der Zusammenhang wurde schon in anderen Studien beobachtet“, sagt Esther Sobanski, die am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim die Arbeitsgruppe ADHS bei Erwachsenen leitet. Die aktuelle Arbeit bestätigt diese Ergebnisse nun mit einer sehr großen Patientengruppe.

Wenn die Betroffenen Medikamente gegen die Störung einnehmen, senke es das Unfallrisiko, schreiben die Wissenschaftler. Auch das kann Sobanski bestätigen, die in einer kleinen Patientengruppe untersucht hat, wie sich das Fahrverhalten nach Einnahme von Atomoxetin verbessert.

Das Team um Zheng Chang vom Karolinska Institutet in Stockholm wertete Daten von Tausenden Schweden aus. Weil in dem Land jeder Bürger eine persönliche Identifikationsnummer hat und diese in verschiedenen Datenbanken vermerkt ist, konnten die Forscher folgende Eckdaten ermitteln:

Alle zwischen 1960 und 1988 Geborenen, bei denen seit 2001 ADHS diagnostiziert wurde: 10.528 Männer und 6880 Frauen. In Schweden dürfen nur spezialisierte Psychiater die Diagnose stellen.

Die Zahl der schweren Verkehrsunfälle mit einem darauffolgenden Krankenhausaufenthalt oder mit Todesfolge, in die die Patienten verwickelt waren (zwischen Anfang 2006 und Ende 2009): 897 (Männer), 330 (Frauen).

Dies wurde mit einer rund zehnmal so großen Probe der Gesamtbevölkerung - ohne ADHS-Patienten - verglichen, die in Alter, Geschlecht und Wohnort an die von ADHS Betroffenen angeglichen war. Dort verzeichneten die Forscher 3217 Verkehrsunfälle von Männern und 1417 bei den Frauen.

Die Zeiträume, in denen die Patienten ein Medikament gegen ADHS verschrieben bekamen. Ob die Patienten andere Behandlungsmöglichkeiten wie etwa eine Verhaltenstherapie nutzen, wurde nicht erhoben.

Auch Wohnort, Beziehungs- und Beschäftigungsstatus, mittleres Haushaltseinkommen, die Einnahme anderer sogenannter psychotroper Medikamente, bekannter Drogenkonsum oder mögliche Verurteilungen wegen eines Verbrechens wurden erhoben.

Das unterschiedliche Risiko, in mindestens einen schweren Verkehrsunfall verwickelt zu sein, wird hier sehr deutlich: Bei Männern mit ADHS lag es bei 6,5 Prozent, bei den Männern ohne ADHS bei 2,6 Prozent. Bei den Frauen waren diese Zahlen etwas niedriger: 3,9 Prozent beziehungsweise 1,8 Prozent.

Bekamen die Patienten Rezepte für ADHS-Medikamente, verringerte sich das Unfallrisiko - allerdings nur bei den Männern. Bei ihnen sank es um mehr als die Hälfte. Bei den Frauen blieb dagegen es in etwa gleich. Eine Erklärung dafür haben die Forscher nicht.

Trotz der großen Datenfülle hat die Studie einige Unsicherheiten: Unter anderem ist nicht bekannt, wer für die Unfälle verantwortlich war. Es wäre möglich, dass ADHS-Patienten mehr Unfälle verursachen. Es ist jedoch genauso denkbar, dass sie nicht in kritischen Situationen schlechter reagieren und so Unfälle nicht vermeiden können, an denen eine anderer Verkehrsteilnehmer die Schuld trägt. Oder beides trifft zu. Zudem lässt sich nicht sagen, ob die Patienten die verschriebenen Medikamente auch eingenommen haben.

Warum das Unfallrisiko von ADHS-Patienten generell erhöht ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Wahrscheinlich spielten mehrere Faktoren eine Rolle, sagt Sobanski. Unaufmerksamkeit und Impulsivität können im Straßenverkehr verheerende Folgen haben, ebenso eine erhöhte Risikobereitschaft, die mit einer ADHS einhergehen kann. Dazu kann laut Sobanski eine erhöhte Bereitschaft hinzukommen, sich nicht regelkonform zu verhalten - mitunter sehr gefährlich auf der Straße. Auch das erhöhte Risiko für Suchterkrankungen könnte eine Rolle spielen, schließlich ist die Unfallgefahr deutlich höher, wenn jemand betrunken oder unter Drogeneinfluss Auto fährt.

Da die Medikamente direkt in neurobiologische Prozesse eingreifen und so Konzentrationsvermögen und Aufmerksamkeit verbessern, ist es nicht verwunderlich, dass sie auch das Fahrverhalten beeinflussen.

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