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Mücken töten mehr Menschen als Haie

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Baku, 21. Juli, AZERTAC

Der Surf-Profi Mick Fanning hat an der Küste Südafrikas vor laufender Kamera einen Hai-Angriff abgewehrt. Das Szenario weckt tief sitzende Ängste. Doch rein statistisch sind die unbegründet.

Für einen Moment hielten alle den Atem an: Vor laufender Kamera wurde der dreifache Surf-Weltmeister Mick Fanning am Wochenende bei einem Wettbewerb in Südafrika von einem Hai angegriffen. Der Australier konnte den Raubfisch abwehren, doch die Begegnung war ein Schock.

Die Aufnahmen wecken tief sitzende Ängste. Tatsächlich können Haie Menschen gefährlich werden. Respekt ist angebracht - übertriebene Angst aber unbegründet, wie die Statistik zeigt. Stattdessen ist etwa der Weiße Hai selbst gefährdet, auch, weil er immer wieder als Beifang in Fischernetzen landet.

Sechs Tote weltweit pro Jahr - Das Risiko, als Mensch von einem Hai angefallen zu werden, ist sehr gering, obwohl davon auszugehen ist, dass nie so viele Menschen zum Planschen oder Sport treiben ins Wasser gegangen sind wie in jüngster Zeit. Laut Statistik des Museum of Natural History in Florida, das Hai-Attacken weltweit erfasst, lag die Zahl der Angriffe zwischen 2005 und 2014 pro Jahr stets deutlich unter hundert Fällen. Im Durchschnitt haben Haie weltweit jährlich 70 Menschen attackiert, sechs von ihnen starben.

Auch über einen längeren Zeitraum bestätigen sich die Zahlen: Seit 1580, also seit gut 400 Jahren, wurden weltweit 2777 Angriffe registriert. Das entspricht einem Durchschnitt von knapp sieben Menschen pro Jahr.

Die meisten Angriffe gibt es im Pazifik. Bezogen auf einzelne Gebiete sind Haie mit 1104 Fällen vor den Küsten Nordamerikas besonders aktiv. Vergleichsweise häufig sind Angriffe auch vor Australien (572 Attacken) und Afrika (146). In Europa greifen Haie mit 51 dokumentierten Fällen besonders selten Menschen an.

An einem Blitzeinschlag zu sterben ist wahrscheinlicher - Auch wenn jeder einzelne Fall tragisch ist, ist die Gefahr, bei vernünftigem Verhalten von einem Hai angefallen zu werden, demnach vernachlässigbar. Haiangriffe sind extrem selten.

Zum Vergleich: Weltweit sterben nach Mückenstichen jährlich 635.000 Menschen allein an Malaria. Schlangenangriffe töten pro Jahr weltweit 94.000 und Skorpione 3250 Menschen. Auch das vergleichsweise sichere Fliegen kostet mehr Menschen das Leben: Bei Flugzeugabstürzen sterben jedes Jahr im Schnitt 745 Passagiere. Selbst durch Blitze werden mehr Menschen getötet als von Haien - allein in den USA jährlich 49.

Lautlos und unberechenbar - Statt auf einer echten großen Gefahr, beruht die Hai-Panik demnach im Wesentlichen auf angsteinflößenden Darstellungen und Einzelfallberichten. Ähnlich ist es übrigens beim Wolf, durch den in Wahrheit weltweit jährlich im Schnitt nur 0,5 Menschen sterben.

Vor allem der Weiße Hai gilt seit einer Serie von Angriffen im Jahr 1916 an der Küste des US-Bundesstaates New Jersey als blutrünstige Bestie. Innerhalb von 16 Tagen wurden damals fünf Menschen von Haien attackiert, vier starben. Die Vorfälle dienten als Vorlage für den später verfilmten Roman „Der weiße Hai“.

Haie bewegen sich lautlos im Wasser und deutlich schneller als Menschen. Zusätzlich weckt das Aussehen der Tiere und die oft unvorteilhafte Darstellung Ängste. Das große, stellenweise rot gefärbte Maul und die spitzen Zähne des Weißen Haies lassen ihn besonders gefährlich erscheinen. Doch auch Bullenhaie und Tigerhaie greifen Menschen an.

Nur kurz probiert - In der Regel lassen die Tiere nach einem Bissen aber wieder von ihrer menschlichen Beute ab. Noch nie wurde im Magen eines Haies ein kompletter Menschenkörper gefunden, berichtet DER SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. Warum Haie Menschen angreifen, gibt auch deshalb Rätsel auf.

Sie verwechseln Menschen, vor allem Surfer auf Brettern, mit Robben. Dagegen spricht allerdings, dass Haie ausgeprägte Sinne besitzen, mit denen sie gezielt die richtige Beute aufspüren können.

Haie verteidigen ihr Revier. Zwar ist noch nicht klar, ob die Raubfische überhaupt Reviere bilden. Dennoch ist denkbar, dass sie ihr Territorium durch einen Menschen bedroht sehen. So wurde etwa beobachtet, dass Graue Riffhaie Eindringlingen drohen, indem sie ihren Kopf und Schwanz schütteln, die Brustflossen aufstellen und einen Buckel machen.

Möglicherweise provozieren Schwimmer oder Surfer Haie auch durch ihre Bewegungen unbewusst. Da der Hai sich unter Wasser befindet und der Mensch sein Warnverhalten nicht deuten kann, kommt es zum Angriff.

Nimm das, Hai - Im aktuellen Fall von Mick Fanning näherte sich der Hai von hinten. Ob er tatsächlich zubeißen wollte, ist unklar. Allerdings war er bereits so nah, als Fanning ihn bemerkte, dass zur Verteidigung nur noch ein Gegenangriff infrage kam. Fanning trat um sich, offenbar mit Erfolg.

Tatsächlich empfehlen Experten, sich im Fall der Fälle mit einem Schlag auf die Schnauze des Haies zu wehren. Allerdings nur, falls dieser wirklich angreift. Ansonsten gilt, sich bei der Begegnung möglichst ruhig zu verhalten und zügig, aber gleichförmig Richtung Strand zu schwimmen und sich dabei immer wieder über die Position des Hais zu vergewissern.

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