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Paradox der Erderwärmung

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Baku, 29. Juli, AZERTAC

Der Eispanzer Grönlands dürfte deutlich schneller schmelzen als gedacht. Darauf weisen gleich zwei Studien hin, die jüngst im Fachjournal „Geophysical Research Letters „Geophysical Research Letters“ veröffentlicht wurden. Eine Gruppe um den Klimatologen Takuro Kobashi von der Universität Bern fand heraus, dass ausgerechnet die verminderte Sonnenaktivität, die in den kommenden Jahren zu erwarten sein könnte, die Arktis erwärmen würde.

Tatsächlich fürchten einige Forscher, dass die Sonne über einige ihrer elfjährigen Zyklen hinweg ein Aktivitätsniveau erreicht, das dem in der so genannten Kleinen Eiszeit gleicht. Diese anhaltende Kaltphase dauerte von Anfang des 15. bis ins 19. Jahrhundert hinein. In dieser Periode war das Tagesgestirn nur wenig aktiv, was sich an der geringen Zahl der Sonnenflecken ablesen ließ. Zwei besonders eisige Abschnitte waren das Maunder-Minimum, das von 1645 bis 1715 anhielt, sowie das Dalton-Minimum von 1790 bis 1830.

In einer Phase des Maunder-Minimums, die 30 Jahre währte, erschienen auf der Sonne nur 50 Flecken, normal wären jedoch mehrere tausend gewesen. Zwischen 1672 und 1704 wurde sogar kein einziger Fleck beobachtet. Insgesamt zählten die damaligen Beobachter 3579 fleckenlose Tage in Folge. Nach Ansicht einiger Astrophysiker übersprang unser Tagesgestirn damals mindestens einen Zyklus.

Die passive Sonne war vermutlich die Ursache jener Witterungsunbilden, unter denen die Menschen in jener Zeit litten. So lag Europa in den Wintern regelmäßig unter einer Kälteglocke. In Holland froren die Grachten zu, in England die Themse, sodass die Anwohner auf dem Fluss öfter Frostjahrmärkte feierten. Sogar die Ostsee war mindestens zweimal vollständig von Eis bedeckt. Die Sommer blieben kühl und feucht, der Weizen verfaulte auf den Halmen. Sinkende Ernten und Hungersnöte waren die Folge.

Dass in einer solchen Phase das Grönland-Eis schneller schmelzen soll, erscheint paradox. Doch Kobashi und seine Kollegen argumentieren ebenfalls mit der Sonnenaktivität. Diese treibt ein großes System von Meeresströmungen an (die so genannte Atlantische Meridionale Umwälzbewegung, kurz AMU), das warmes Wasser aus den Tropen bis in hohe Breiten transportiert. Der Golfstrom ist ein nördlicher Ausläufer der AMU.

In den polaren Meeresgebieten kühlt das Wasser ab, und ein Teil davon verdunstet, so dass der Salzgehalt im Meer steigt. Das nun kalte und dichte Wasser sinkt ab und fließt in einer Tiefenströmung nach Süden zurück. Je wärmer aber das heran geleitete Wasser ist, desto weniger kühlt es ab, so dass sich die Absinkbewegung abschwächt - es verursacht sozusagen einen Verkehrsstau. Dies bremst die AMU, so dass weniger warmes Wasser nach Norden gelangt.

In ihrer Studie wollten die Forscher herausfinden, warum sich Grönland von den 70er bis in die 90er Jahre abkühlte, obwohl sich die Nordhalbkugel der Erde in dieser Zeit infolge des Treibhauseffekts deutlich erwärmte. Hier kommt die Sonnenaktivität ins Spiel. Diese war seit den 50er- bis in die 90er-Jahre hinein besonders hoch. Dadurch war das von der AMU vom Süd- in den Nordatlantik transportierte Wasser wärmer als normal. Zudem flossen aus schmelzenden Gletschern gigantische Mengen zusätzlichen Süßwassers in den Nordatlantik.

Beide Effekte bewirkten, dass sich das Wasser weniger abkühlte und auch die Salzanreicherung abnahm. Infolge dessen sank es nicht mehr so leicht ab, so dass die polare Tiefenwasserpumpe ins Stottern geriet. Dies wiederum bremste die AMU, die in der Folge weniger warmes Wasser nach Norden und damit auch nach Grönland führte. Zugleich sank der Zustrom warmer Luft, so dass sich die Insel abkühlte.

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