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Piraten kosten die Weltwirtschaft 18 Milliarden Dollar

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Baku, den 2. November (AZERTAG). Die Piraten am Horn von Afrika haben seit 2005 Hunderte Millionen Dollar Lösegeld erpresst. Das Geld fließt laut einer Studie von Weltbank, Uno und Interpol in Waffen- und Menschenhandel. Bei den einzelnen Seeräubern bleibt kaum etwas hängen.

Die Piraten am Horn von Afrika sind nicht nur eine Bedrohung für die Sicherheit vor Ort, sondern auch für die Weltwirtschaft. Denn die Seeräuber haben ein gut funktionierendes System der Geldversorgung. Weltbank, Uno und Interpol sind den Finanzströmen in einer aufwendigen Studie unter dem Titel „Pirate Trails“ nachgegangen und haben dazu aktuelle und frühere Piraten befragt, ihre Hinter- und Mittelsmänner und Regierungsbeamte. Das Ergebnis: Zwischen 2005 und 2012 sind bis zu 413 Millionen Dollar Lösegeld geflossen, durchschnittlich 2,7 Millionen Dollar pro Überfall.

Der Löwenanteil der von Reedereien gezahlten Millionenbeträge landet demnach nicht bei den Piraten, sondern bei ihren finanzkräftigen Hintermännern. Diese nutzen das Geld zum Teil für kriminelle Machenschaften wie Waffen- und Menschenhandel sowie zur Finanzierung von Milizen. Der Schaden für die Weltwirtschaft betrage rund 18 Milliarden Dollar.

Bei den Piraten selbst verbleibt demnach nur ein sehr geringer Teil der Lösegelder, nämlich weniger als 0,1 Prozent, heißt es in der Studie. Gewöhnliche Piraten erhalten nach einem Einsatz demnach 30.000 bis 50.000 Dollar. Dazu kommen Boni von bis zu 10.000 Dollar für den, der als erstes an Bord eines gekaperten Schiffes geht, oder der seine eigene Leiter oder Waffen mitbringt.

Strafen für schlechtes Benehmen - Viele der einfachen Piraten kauen der Studie zufolge während der Überfälle die Droge Khat, die sie auf Kredit bekommen. Erst wenn das Lösegeld gezahlt ist, bekomme jeder seinen Anteil - abzüglich der Kosten für die Droge. Dazu kommen, ganz in jahrhundertealter Piratentradition, Abzüge für Essen und Strafen für schlechtes Benehmen wie zum Beispiel Misshandlung der Crew. Einige Piraten klagen laut Studie sogar darüber, dass sie am Ende hoch verschuldet seien und allein deshalb nicht aussteigen könnten.

Ein weiterer kleiner Teil der Lösegelder fließt in die Region, an Köche, Anwälte, Zuhälter, Dienstleister, die Falschgeld erkennen können und an Milizen, die die Häfen überwachen. In einer Region zahlen die Piraten sogar eine „Entwicklungsteuer“ von zwanzig Prozent an die islamistische Schabab-Miliz. Auch hier werden die Rechnungen erst beglichen, wenn das Lösegeld gezahlt wurde, die Vorleistung lassen sich die örtlichen Händler und Dienstleister aber gut bezahlen, sie nehmen bis zu hundert Prozent Zinsen von den Piraten.

Die größeren Summen gehen aber an die Mittels- und Hintermänner. Die Finanziers der Piratenüberfälle - frühere Polizisten oder Militärs, Beamte, Khat-Dealer oder auch Fischer und Ex-Piraten - bekommen der Studie zufolge 30 bis 75 Prozent der Lösegeldzahlung. Dabei ist ein Pirateneinsatz offenbar gar nicht so teuer: Die simpelsten Überfälle erforderten nur wenige hundert Dollar, heißt es in der Studie. Größere Operationen mit mehreren Schiffen kosteten eher 30.000 Dollar.

Somalias dynamischer Finanzsektor hilft beim Geldverschieben - Ein Großteil der Investitionen kommt aus dem Ausland nach Somalia - und das Lösegeld fließt nach der Zahlung wieder aus dem Land heraus. Ein Modell: Ein Pirateninvestor sucht sich eine somalische Importfirma und zahlt für deren Wareneinkäufe im Ausland. Sobald die Waren im Land sind, zahlt die Firma den Investor aus - der das Geld an die Piraten weiterleiten kann. Derselbe Trick wird der Studie zufolge auch angewandt, um Kapital ins Ausland zu transferieren. Darüber hinaus gibt es in Somalia zahlreiche kleine Unternehmen, die Geldtransfers anbieten. Der Finanzsektor sei überraschend dynamisch und wachse deutlich schneller als staatliche Institutionen, heißt es in der Studie.

Kenia, die Vereinigten Arabischen Emirate und Dschibuti seien die wichtigsten Transitländer oder Endstationen für den Großteil der Lösegelder. Von dort aus fließt das durch Piratenüberfälle erpresste Lösegeld in weitere kriminelle Operationen, schreiben die Autoren der Studie. Ein Drittel der Profite gehe an Milizen, religiöse Extremisten oder werde generell eingesetzt, um politischen Einfluss zu gewinnen. Der Rest gehe zum größten Teil in Immobilien und ins Geschäft mit der Droge Khat - ein enormer Wirtschaftsfaktor für Somalia und das benachbarte Kenia.

Um die Finanzströme aus dem Piratengeschäft in den Griff zu bekommen, müssten der Studie zufolge die Länder der Region enger zusammenarbeiten, der Geldschmuggel über die Grenzen überwacht und die Firmen, die Geldtransfers anbieten, reguliert werden. Zudem müsse die Khat-Produktion in Kenia kontrolliert und eingedämmt werden.

Erst wenn die Finanzströme gekappt werden, ließe sich die Piraterie wirksam bekämpfen. Immerhin haben die Piratenüberfälle am Horn von Afrika 2011 einen Höhepunkt erreicht und sind seitdem zurückgegangen. Die Studie führt das auf verstärkte Militäraktionen vor Somalia zurück - darunter auch der EU-Einsatz „Atalanta“ unter Beteiligung der deutschen Marine.

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