GESELLSCHAFT


Psychopathen besitzen den Schalter fürs Mitgefühl

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Baku, den 16. Juli (AZERTAG). Sie wurden vor zwanzig Jahren entdeckt und bleiben bis heute rätselhaft. Spiegelneuronen erzeugen Mitgefühl, sogar aus der Distanz. Diese Empathie nach Belieben ein- und auszuschalten, gelingt offenbar nur ganz speziellen Menschen: Psychopathen.

Stellen Sie sich vor, wie Ihrem Gegenüber ein Finger umgebogen wird. Die Fingerkuppe berührt fast das Gelenk, die Haut wird weiß, feine Äderchen treten hervor. Wer so eine Szene beobachten muss, dem wird selbst unbehaglich. Den Schmerz fühlen wir automatisch mit. Denn unser Gehirn übersetzt das Beobachtete direkt in eine Assoziation, die mit unserem eigenen Erleben zu tun hat. Schuld daran sind Spiegelneuronen: Diese Hirnzellen erzeugen die Fähigkeit zur Empathie.

Allerdings sind die Neuronen offenbar nicht bei allen Menschen permanent aktiv. Psychopathen haben mit einer solchen Situation keine Probleme, berichtet der deutsch-französische Hirnforscher Christian Keyers in der aktuellen Ausgabe. Mit einem Experiment konnte er zeigen. Liegen diese Menschen in einem Hirnscanner und sehen dabei Filme, in denen jemandem ein Finger umgebogen wird, passiert in dem Areal, das für Mitgefühl zuständig ist, wenig. Das war zu erwarten. Denn bislang glaubten Experten, dass Psychopathen zu Empathie nicht fähig seien. Doch diese Annahme hat Keyers nun widerlegt: „Sobald wir sie ausdrücklich darum baten, sich einzufühlen, zeigten sie völlig normale Reaktionen“, sagt er. Offensichtlich verfügen Psychopathen über ein ganz besonderes Talent: Sie können ihr Mitgefühl anschalten.

Am Anfang war die Erdnuss - Auch mehr als zwanzig Jahre nach der Entdeckung der Spiegelneuronen lernen Forscher noch Neues dazu über dieses System im Gehirn, das Handeln, Gefühle und Stimmungen anderer Menschen auch beim Beobachter zum Erklingen bringt.

Begonnen hat alles im Jahr 1992 in der italienischen Stadt Parma: mit einem Affen, einem Versuchsleiter und einer Erdnuss. Eigentlich hatte die Forschergruppe um den Physiologen Giacomo Rizzolatti lediglich an Affen erforschen wollen, wie Handlungen im Gehirn geplant und umgesetzt werden. Griffen die Tiere nach Futter, konnten sie entsprechende Hirnströme messen. Doch plötzlich schlug das Messgerät auch aus, als einer der Forscher nach einer Nuss griff. Dabei saß der Affe ruhig da.

Die Nervenzellen des Affen sandten offenbar bereits Signale aus, wenn er die Bewegung nur beobachtete, sie spiegelten förmlich das Verhalten des Gegenübers. Die Nervenzellen, die im Primatenhirn diese Signale auslösten, nannten die Forscher Spiegelneuronen. Erst vor drei Jahren gelang der direkte Nachweis, dass auch Menschen über solche Zellen verfügen.

Lachen steckt an - In den ersten Veröffentlichungen zu Spiegelneuronen ist nur von Bewegungen und Absichten die Rede. Schon bald aber erkannten Forscher, dass wir auch Gefühle unserer Mitmenschen - etwa Freude oder Schmerz - spiegeln können.

2006 schrieb etwa die Neurowissenschaftlerin Sophie Scott vom University College London im „Journal of Neuroscience“, dass Spiegelneuronen uns automatisch mitlachen lassen, wenn eine andere Person zu lachen beginnt. Die Nervenzellen seien besonders aktiv, wenn Menschen positive Gefühlsausdrücke beobachteten. Im Versuch hatte sie Probanden Laute vorgespielt, die Emotionen wie Triumph, Angst, Freude oder Ekel ausdrückten.

Einige Forscher schrieben der Entdeckung der Spiegelneuronen so viel Bedeutung zu wie der Entschlüsselung der DNA. Kritiker bemängeln aber, es klaffe ein Abgrund zwischen den öffentlichen Phantasien und dem, was experimentell belegbar sei.

Euphorie lass nach - Mittlerweile hat sich die Euphorie gelegt, Zweifel an der Existenz der Spiegelneuronen gibt es in der Fachwelt nicht. Inzwischen aber sprechen Forscher meist nicht mehr von einzelnen Zellen. Weil immer neue Areale mit der Spiegelfunktion in Verbindung gebracht werden, gehen Experten von einem komplexen System aus.

Denn obwohl wir uns zum Beispiel in nahezu jedes Gegenüber hineinversetzen können, bedeutet die Fähigkeit zur Empathie nicht, dass wir mit jedem Mitgefühl empfinden. Auch Vorerfahrungen spielen unter anderem eine Rolle. „Der Grad des Mitgefühls ist variabler als gedacht“, sagt Keyers.

Die Erforschung des Empathiesystems geht also weiter: Experten wie der Neurowissenschaftler Eric Kandel sehen darin eine Chance, die Hirnforschung mit anderen Wissenschaften zu verbinden: Der Nobelpreisträger will herausfinden, wie Menschen Kunst wahrnehmen. „Was wir erleben, wenn wir ein Porträt anschauen, hat mit den Spiegelneuronen zu tun“, schreibt er in der „New York Times“. „Signale dieser Zellen lassen uns Handlungen anderer so empfinden, als wären sie unsere eigenen.“

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