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Psychopharmaka haben einen schlechten Ruf

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Baku, 21. September, AZERTAC

Die neue Auswertung von Studiendaten bringt Hersteller von Antidepressiva in Erklärungsnot: Zwei Medikamente wirken bei Jugendlichen nicht. Stattdessen drohen starke Nebenwirkungen.

Psychopharmaka haben einen schlechten Ruf. Seit die Mittel auf dem Markt sind, wachsen nicht nur die Verkaufszahlen, sondern auch die Zweifel daran, dass die Pillen tatsächlich etwas bewirken - außer Nebenwirkungen: Abhängig sollen sie machen, laute Patienten ruhigstellen und die Persönlichkeit verändern.

Jüngster Skandal: Zwei Antidepressiva sollen für Jugendliche weder wirksam noch sicher sein, schreiben Forscher in einer Studie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „British Medical Journal“. Das besonders Pikante daran: Die Wissenschaftler nahmen sich die Daten einer Originalstudie von 2001 vor, in der die Studienautoren um den mittlerweile emeritierten Martin Keller von der amerikanischen Brown University zu dem Schluss kamen, die Antidepressiva Paroxetin und Imipramin seien „generell gut verträglich und wirksam“.

Die Re-Analyse der Daten zeigt nun das Gegenteil: Das Forscherteam aus Großbritannien und den USA konnte zeigen, dass die Mittel Paroxetin und Imipramin bei der Behandlung einer schweren Depression nicht wirksamer als die Gabe eines Scheinpräparates sind und allenfalls einen Placebo-Effekt haben. Obendrein führt die Behandlung mit beiden Medikamenten zu starken Nebenwirkungen. So führte Paroxetin beispielsweise zu Verhaltensauffälligkeiten und Suizidneigung, Imipramin löste Herzrhythmusstörungen aus.

Jahrelanger Streit um Transparenz - Die ursprüngliche Arbeit wurde von Paroxetin-Hersteller GlaxoSmithKline finanziert, der damals noch Smith-Kline-Beecham hieß. Die publizierten Ergebnisse waren von Anfang an umstritten. „BMJ“-Mitherausgeber Peter Doshi geht in einem begleitenden Meinungsbeitrag zur aktuellen Veröffentlichung davon aus, dass die damalige Publikation von einem Ghostwriter geschrieben wurde.

Auch in Deutschland und Europa gab es für die auch hier zugelassenen Mittel zahlreiche Warnungen. Der wissenschaftliche Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) attestierte Paroxetin in einem Risikobewertungsverfahren ein erhöhtes Risiko für Nebenwirkungen wie Selbstmordversuch, suizidale Gedanken und Feindseligkeit bei Kindern und Jugendlichen. Die entsprechenden Warnhinweise stehen seit vielen Jahren in der Packungsbeilage.

Im Jahr 2012 war GlaxoSmithKline in den USA zu einer Strafzahlung von drei Milliarden Dollar verdonnert worden. Der Hersteller hatte Paroxetin unter dem Handelsnamen Paxil, das die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) nur für Erwachsene zugelassen hatte, gezielt an Jugendliche weitergegeben und Gratisproben unter Psychiatern verteilt.

Erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen gab GlaxoSmithKline schließlich die Daten heraus. Das ist vor allem der Initiative RIAT zu verdanken, RIAT steht für „Restoring Invisible and Abandoned Trials“. Die Initiative ist ein Zusammenschluss von Forschern, der sich für größere Transparenz in der medizinischen Forschung einsetzt. „BMJ“-Mitherausgeber Doshi hofft, dass „die aktuelle Studie den Druck auf akademische und andere Institutionen erhöht, damit dieses vielfache Fehlverhalten weiter thematisiert wird und Folgen hat.“

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