GESELLSCHAFT


Ratten können Tuberkulose in Speichelproben erkennen

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Baku, 29. Dezember, AZERTAG

Keane und Vidic sind „Herorats“, Heldenratten. Mit ihrem feinen Geruchssinn können die quirligen Pelztierchen die gefährliche Infektionskrankheit Tuberkulose (TBC) erschnüffeln. Und zwar so genau und schnell, dass technisches Gerät kaum mithalten kann. Das macht Mut, denn TBC ist derzeit auf dem Vormarsch und Forscher suchen zwar intensiv nach effektiven Waffen, doch bislang nahezu vergebens.

Könnten Herorats wie Keane und Vidic die Lösung sein? In Tansania testet eine belgische Organisation, ob die afrikanischen Riesenhamsterratten künftig zum Standardinventar in Kliniken gehören sollten, um Menschenleben zu retten.

Eine skurrile Idee in einer sonderbaren Situation. Denn der Kampf gegen die Weiße Pest schien bereits vor Jahrzehnten gewonnen. Dank verbesserten Lebensbedingungen und Medikamenten war es bis Mitte des 19. Jahrhunderts gelungen, die Krankheit einzudämmen. Sie galt als besiegt, die Forschung wurde eingestellt. Ein Fehler. Mit der Zeit hat der Erreger, ein Mykrobakterium, gelernt, sich den Mitteln der Medizin zu widersetzen. Ein Großteil der Erreger ist immun geworden, die multiresistente Tuberkulose entstanden.

Und so ist die Infektionskrankheit mittlerweile wieder ein weltweites Problem. Besonders in Entwicklungsländern ist das Bakterium verbreitet, mangelnde Hygiene und Unterernährung erhöhen dort die Ansteckungsgefahr. Laut des aktuellen Global Tuberculosis Reports der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich 2013 weltweit 9 Millionen Menschen infiziert – 1,5 Millionen haben die Krankheit nicht überlebt. In Tansania, wo die Ratten für ihre weltweiten Einsätze trainiert werden, haben sich laut WHO 2013 ingesamt 65.732 Menschen angesteckt. Hier zählt die Tuberkulose, neben Aids und Malaria, zu den drei am weitesten verbreiteten Krankheiten mit Todesfolge.

Befallen die Mykobakterien den menschlichen Körper, sind anhaltender Husten, Müdigkeit, Fieber und Nachtschweiß in unterschiedlicher Intensität die Folge. Unbekämpft, breiten sich die Erreger über den Blutkreislauf aus, befallen die Organe und können sogar bis zur Hirnhautentzündung führen. Unbehandelt endet die Tuberkulose in den meisten Fällen tödlich. Eine schnelle Diagnose ist wichtig, um die Ausbreitung zu verhindern.

Hier kommen Cricetomys als Herorats ins Spiel. Mit der Größe eines Waschbären und einem Gewicht von bis zu vier Kilogramm sind die afrikanischen Hamsterratten die größten Ratten auf der Erde. Der Arbeitsplatz von Keane und Vidic ist ein Glaskasten, in dessen Boden sich Löcher befinden. Unter jedem Loch wiederum liegt die Speichelprobe eines vermutlich Infizierten. Diese wurden von umliegenden Krankenhäusern zur Verfügung gestellt und dort bereits getestet. Die Ratten dienen sozusagen als unverbindliches Backup.

Routiniert steckt Ratte Keane seine Nase in das erste Loch. Negativ. In das zweite, ebenfalls keine Reaktion. Beim dritten zögert das Tier einen kurzen Augenblick. „Das ist für uns das Zeichen, dass die Ratte den TBC-Erreger wittert“, sagt Samma Ulanga, der die Tuberkulose-Ratten für die belgische Organisation Apopo trainiert. Ein Assistent betätigt den Klicker, die Ratte huscht zu einer Öffnung an der Seite des Glaskastens und wartet auf ihre Belohnung: Bananenbrei. Von klein auf werden die Ratten so auf den Geruch der TBC-Erreger konditioniert.

Wie erste Tests zeigen, können die Ratten innerhalb von sieben Minuten rund 80 Speichelproben checken. „Ein Mensch bräuchte für gerade einmal 25 Proben rund acht Stunden“, sagt Ulanga. Bislang arbeitet das Team mit mehr als 25 Kliniken aus Tansania und Mosambik zusammen. Nach eigenen Angaben konnten die TBC-Spürratten seit 2008 mehr als 5.500 Tuberkulose-Fälle diagnostizieren. Das sei vielversprechenden, sagen nicht nur Ulanga und Kollegen sondern auch externe Beobachter.

Was genau die Ratten dabei riechen, ist allerdings unklar. Thorsten Walles ist Bereichsleiter der Thoraxchirurgie der Uni-Klinik Würzburg. Er behandelt regelmäßig Lungentuberkulose-Patienten und hat sich wissenschaftlich mit der Erkennung von Krankheiten durch Hunde befasst. „Bei der Tuberkulose vermutet man, dass die Tiere Methyl-Phenyl-Acetat, Methyl-Nicotinat und Methyl-Panisat riechen könnten.“ Dabei handelt es sich um chemische Verbindungen, die in der Atemluft von Tuberkulose-Patienten auffällig oft vorkommen. Diesen Vorgang technisch nachzustellen, sei bislang jedoch noch nicht gelungen. „In dieser Hinsicht sind uns die Tiere um einiges voraus“, sagt der Arzt.

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