GESELLSCHAFT


Seesternen wird es in den Ozeanen zu sauer

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Baku, den 6. Juli (AZERTAG). Weitgehend unbemerkt sinkt der pH-Wert der Meere. Die möglichen Langzeitfolgen versuchen Forscher abzuschätzen. Klar ist bereits, dass Blaualgen profitieren und sich Nahrungsnetze verändern werden.

Der Ozean ist ein schwieriger Patient. Manchmal wappnet er sich mit Eisschollen und hohen Wellen, wenn Meeresbiologen zur Diagnose anrücken. Doch für Ulf Riebesell vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel hat sich die Mühe gelohnt.

Gerade erst, Ende Juni, ist er von einem Langzeit-Experiment im schwedischen Gullmarfjord zurückgekehrt. Im Gepäck trägt er einen Datenschatz, der einen Blick in die mögliche Zukunft der Meere erlaubt. Riebesell hat in der Nordsee mit einem internationalen Team fünf Monate lang den Ernstfall simuliert: den Ozean des Jahres 2100 – mit einem pH-Wert um 7,7.

Die nackte Zahl ist weit weniger griffig als die Daten zur Erderwärmung, die viele Klimaforscher in Modellen prognostizieren: zwei Grad mehr, vier Grad mehr, sechs Grad mehr. Solche Szenarien lösen inzwischen Bilder im Kopf aus: Eisschmelze, Überflutungen, Wüsten.

Dagegen löst das Stichwort pH-Wert oft nur vage Erinnerungen an den Chemieunterricht aus. Eine Skala von 0 bis 14, die angibt, ob eine Flüssigkeit sauer, neutral oder basisch ist. Ja und? Bei vielen Wissenschaftlern schrillen bei einem pH-Wert von 7,7 im Ozean jedoch die Alarmglocken. Denn Meerwasser hatte vor der Industrialisierung einen Durchschnittswert von 8,2.

Die bange Frage lautet: Kann sich das Ökosystem Meer an diesen rapiden Wechsel anpassen – an etwas, das es in der gesamten Erdgeschichte in so kurzer Zeit noch nie gab? Trotz vieler Studien ist das Thema Ozeanversauerung in der Öffentlichkeit noch nicht ganz angekommen. „Es ist eine unterschätzte Gefahr“, sagt Ozeanforscher Riebesell.

Verwirrende pH-Werte - Das mag auch daran liegen, dass die Zahlen die Dramatik der Entwicklung verschleiern. Seit dem Jahr 1800 sank der pH-Wert der Ozeane von 8,2 auf 8,1. Tückisch ist, dass sich das nach wenig anhört. Doch hinter den Ziffern verbergen sich Logarithmen. 0,1 Einheiten weniger bedeuten in der Realität der Meere, dass ihr Wasser schon um 30 Prozent saurer geworden ist.

Im Jahr 2100 könnte es bis zu 150 Prozent saurer sein als heute. Insgesamt liegt es damit immer noch im basischen Bereich, also über 7. Auch das kann beim Begriff „Ozeanversauerung“ erst einmal verwirren.

Die Ursache für die zunehmende Versauerung hat viel mit Chemie zu tun. In den letzten 200 Jahren pustete der Mensch mit dem zunehmenden Verbrennen fossiler Energieträger wie Kohle, Gas oder Holz soviel mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre, dass nicht nur die Temperatur ansteigt. Über die Luft nimmt auch der Ozean höhere Dosen des Treibhausgases auf.

In Verbindung mit Wasser reagiert Kohlendioxid zu Kohlensäure. Bei diesem Prozess werden auch Wasserstoff-Ionen frei. Das Meer würde noch saurer werden, wenn die sich nicht mit Karbonat-Ionen verbinden würden, die es reichlich im Ozean gibt. Das Problem. Genau diese Karbonat-Ionen brauchen kalkbildende Lebewesen wie Plankton, Algen, Muscheln, Schnecken, Seeigel oder Korallen für Wachstum und Schutz.

Muscheln, Fische und Korallen leiden - Für Jelle Bijma, Geochemiker am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI), wird es nun ein bisschen leichter mit dem Erklären. „Wenn man sein Badezimmer putzt, nimmt man Säure, um Kalkflecken aufzulösen“, sagt er. Im Meer aber ist dieser Wisch-und-weg-Effekt alles andere als nützlich. Wird Ozeanwasser saurer, droht Meeresbewohnern mit Kalkbestandteilen die Auflösung ihrer Schutzhüllen oder Stützkorsetts. Für Korallen, die Architekten der Meere, hieße das im Extremfall. Das Riff bröckelt.

Da Korallenriffe die Kinderstube vieler Meeresbewohner sind, könnte das weitreichende Folgen haben. „Beim Great Barrier Reef vor Australien ginge es um nicht weniger als 70 Prozent der Biodiversität in diesem Gebiet“, sagt Bijma. Noch heftiger könne die Versauerung die Polarmeere treffen. „Denn Kohlendioxid löst sich in kaltem Wasser besonders gut“, ergänzt der Forscher.

Laborstudien am AWI haben schon gezeigt, dass sich viele Arten in saurerem Wasser schwertun. Selbst Fische, die mit Kalk erst einmal nichts am Hut haben, zeigten Empfindlichkeiten. Junge Clownfische schwammen zum Beispiel auf ihre Feinde zu, statt vor ihnen zu fliehen, weil ihr Hör- und Orientierungssinn litt.

 

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