GESELLSCHAFT


Seit 15 Jahren keinen wesentlichen Temperaturanstieg mehr

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Baku, den 7. November (AZERTAG). Seit 1998 haben sich die globalen Temperaturen kaum erhöht, obwohl unvermindert Treibhausgase in die Umwelt gelangen. Macht der Klimawandel eine Pause? Nein, sagen Forscher - und haben dafür eine Erklärung.

Jahr für Jahr pustet die Menschheit mehr Kohlendioxid in die Luft, der Anteil der Treibhausgase in der Atmosphäre erreicht immer neue Spitzenwerte. Das treibt die globalen Temperaturen weiter nach oben – zumindest theoretisch. In der Realität sieht es aber anders aus. Verblüffenderweise verzeichnen die Meteorologen seit 15 Jahren keinen wesentlichen Temperaturanstieg mehr. Dennoch warnen die meisten Forscher davor, die Daten falsch zu interpretieren. Der Klimawandel nehme keine Auszeit. Das betont auch der neue Sachstandsbericht des Weltklimarates.

2000 bis 2009 war das wärmste Jahrzehnt seit Beginn der Messungen. 2010 erreichten die Temperaturen in Bodennähe den höchsten jemals verzeichneten Wert. Im Vergleich zu 1998 – ebenfalls einem sehr warmen Jahr – sind die Temperaturen indes nur geringfügig gestiegen. Die Temperaturkurve ist also deutlich abgeflacht.

„Das liegt aber im Rahmen der kurzfristigen Schwankungen, die seit jeher den Langzeit-Erwärmungstrend überlagern“, unterstreicht Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Auch der ARD-Wetterexperte Sven Plöger erläutert: „Es gab in den vergangenen 70 Jahren immer wieder Temperaturrückgänge und -stagnationen. Das ist also gar nichts Ungewöhnliches.“ Für Klima-Trends seien ohnehin Zeiträume ab 30 Jahren entscheidend.

Dennoch stellt sich die Frage, wohin die Energie verschwunden ist, die infolge der Kohlendioxid-Zunahme dem Klimasystem in den vergangenen Jahren zugeführt wurde. Die These der Klimawissenschaftler: in die Ozeane. Denn die Weltmeere sind der größte Wärmespeicher. Wenn senkrechte Meeresströmungen wie in den vergangenen Jahren für eine kältere Wasseroberfläche sorgen, können die Ozeane mehr Wärme aufnehmen.

In der Folge – so die These der Forscher – erwärmt sich die Luft in Bodennähe weniger. „Der Treibhauseffekt hat nicht nachgelassen, es gibt nur mehr Wärme im tieferen Ozean und etwas weniger in Oberflächennähe“, sagt Klimaforscher Rahmstorf.

Der Pazifik als Wärmeversteck - Eine zentrale Rolle dabei spielt der tropische Pazifik. Das dort immer wieder auftretende Wetterphänomen „La Niña“ führt dazu, dass kälteres Wasser aus tiefen Schichten aufsteigt. „Die südlichen Ozeane können unglaublich viel Wärmeenergie aufnehmen und sind damit ein Puffer“, erklärt Plöger.

Bei den El-Niño-Ereignissen beobachten Meteorologen den umgekehrten Effekt. Warmes Wasser kommt an die Oberfläche, der Ozean kann weniger Wärme aus der Atmosphäre aufnehmen, die Lufttemperaturen steigen. „Wenn ein El-Niño-Jahr kommt, wird es sehr wahrscheinlich wieder ein Jahr mit Rekordtemperaturen geben“, sagt Rahmstorf. „Im Rückblick werden wir dann sehen, dass es keine signifikante Verlangsamung der Erwärmung gegeben hat.“

Ein weiterer Faktor, der vermutlich die Temperaturentwicklung der vergangenen Jahrzehnte beeinflusst hat, ist Luftverschmutzung. Schwefeldioxidemissionen verringern die Sonneneinstrahlung. Vor allem die Smog-Glocken über asiatischen Großstädten haben einen beobachtbaren Effekt: „Das kann die Temperaturen drosseln“, sagt Plöger, der das Phänomen als „Asian Dimming“ bezeichnet.

Klimamodelle sind nicht genau genug - Für die verzögerte Erwärmung gibt es also plausible Erklärungen. Tatsache ist aber auch: Die Projektionen der Wissenschaftler haben es nicht vermocht, den abgebremsten Temperaturanstieg vorherzusehen. „Unsere derzeitigen Klimamodelle schaffen es nicht, Temperaturschwankungen innerhalb eines Jahrzehnts – die sogenannte dekadische Varianz – vorherzusagen“, bedauert TV-Meteorologe Sven Plöger. „Hier besteht Handlungsbedarf!“

Forscher Rahmstorf ärgert sich indes über die Schlagzeilen, die die vermeintliche Klimawandel-Pause in den vergangenen Monaten gemacht hat. Wer diesem Phänomen übermäßige Beachtung schenke, verwechsle „das Rauschen der natürlichen Schwankungen mit dem Signal der globalen Erwärmung“. Die häufige Berichterstattung über den abgebremsten Temperaturanstieg hält er für einen „Erfolg der Klimaskeptiker, die mit wenig seriösen Argumenten versuchen, Zweifel an der Erderwärmung säen“.

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