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Sonneneruptionen verwirren auf diese Weise den Magnetsinn der Bienen

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Baku, 3. August, AZERTAC

Stören Sonnenstürme den Orientierungssinn von Bienen - und fliegen die Tiere deswegen sogar in den Tod? Was zunächst nach einer kruden Hypothese klingt, lässt sich durchaus mit Daten belegen. Das glauben zumindest deutsche Forscher.

Die neue Hypothese lautet so: Wenn heiße Sonnenflecken auf der Oberfläche des Zentralgestirns Plasma ins All schleudern, rasen auch Protonenschauer durchs All, treffen auf die Magnetosphäre der Erde und verändern so das Magnetfeld. Die Sonneneruptionen verwirren auf diese Weise den Magnetsinn der Bienen, sodass diese nicht mehr zurückfinden und verenden. Diese gewagte Hypothese legen die Messungen einer Forschergruppe um Jürgen Tautz nahe.

Tautz, ein emeritierter Biologe vom Biozentrum der Universität Würzburg, ist bekannt als unkonventioneller Denker. Mit seinem Projekt Hobos bereitet er das Thema Imkerei kindgerecht für Schüler auf. Seine Forschung hat immer wieder dazu geführt, dass klassisches Lehrbuchwissen revidiert oder zumindest erweitert werden musste.

So belegte sein Team in einer aufsehenerregenden Veröffentlichung in der Wissenschaftszeitschrift „Nature“ im Jahr 2001, dass Bienen ihre Flugdistanz nicht dadurch registrieren, dass sie die verbrauchte Muskelenergie erspüren, sondern indem sie auf das Vorbeifließen von optischen Details beim Flug achten - den sogenannten optical flow.

Beim berühmten Bienentanz kommunizieren die Tiere also nicht direkt, wie weit eine Blüte entfernt ist, sondern eher, an wie vielen landschaftlichen Details es vorbeizufliegen gilt. Diese Beobachtung sorgte damals für einiges Aufsehen.

Reagieren Bienen wetterfühlig auf Sonnenstürme? - Sind Bienen „wetterfühlig“ für Sonnenstürme, wie der neue Aufsatz vermutet? Diese Hypothese wirkt zunächst fast abwegig, zumal sie in der wenig bekannten Zeitschrift „Journal of Astrobiology and Outreach“ in der Augustausgabe erscheint.

Doch die vorgelegten Messwerte wirken solide. Während drei Sommern, insgesamt 18 Monate lang, überwachten Tautz und sein Team in Würzburg einen Bienenstock mit rund 80.000 Tieren mit Hilfe einer kleinen Lichtschranke. Wie viele Bienen verlassen den Stock, wie viele kehren zurück? Dann glichen sie diese Wanderungsbewegungen mit Satellitendaten der US-Weltraumagentur Nasa ab und stellten fest: Immer, wenn ein Sonnensturm mächtige Teilchenströme durchs All zur Erde sendet und das Magnetfeld verändert, verirren sich rund 2,7-mal mehr Bienen als sonst - und finden nicht mehr in den Heimatstock zurück.

Allein nach den drei heftigsten Sonnenstürme gingen zwischen 16.000 und 56.000 Nektarsammlerinnen verloren. Während eines Sonnensturms im April 2012 zum Beispiel verlor der Stock in nur neun Tagen über 38 Prozent seiner Bienen. Der statistische Zusammenhang zwischen Bienenverlust und Sonneneruptionen ist dabei erstaunlich hoch (0,97).

Ist die Theorie weit hergeholt? - Ist das nun eine zufällige Korrellation oder wirklich eine echte Kausalität? „Sounds like complete rubbish“, schreibt der Verhaltensgenetiker Benjamin Oldroyd von der australischen University of Sidney, ein anerkannter Experte für das Bienensterben, den Tautz sogar im neuen Aufsatz zitiert: „Das klingt wie kompletter Unfug.“

Detailliert kritisiert Oldroyd die Datenerhebung und hinterfragt die Messungen - und vor allem die Schlüsse, die man aus ihnen ziehen kann: „Das ganze erinnert mich an diese Theorie, dass Mobiltelefone hinter dem Verlust von Honigbienen stecken.“

Andere Kollegen dagegen finden die solare Wetterfühligkeit der Bienen durchaus plausibel. „Es ist überhaupt nicht weit hergeholt, dass Sonnenstürme zu Magnetfeldstörungen führen können, die den Magnetsinn von Tieren stören“, sagt Henrik Mouritsen, Professor am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften an der Universität Oldenburg.

Mouritsens Team hat nachgewiesen, dass es durch künstlich ein- und ausgeknipste elektromagnetische Strahlung im Mittelwellenbereich gezielt den Orientierungssinn von Rotkehlchen stören kann. Sein Aufsatz in der Fachzeitschrift „Nature“ sorgte für einiges Aufsehen.

Allerdings bedeute das noch nicht, dass Sonnenstürme wirklich einen maßgeblichen Einfluss auf das Bienensterben haben: „Für biologische Phänomene wie das Bienensterben gibt es meist mehrere Effekte, das ist selten monokausal.“

Das Gebiet der Magnetobiologie ist noch jung. Erst vor 50 Jahren gelangen Wolfgang Wiltschko an der Universität Frankfurt in seiner Doktorarbeit erstmals schlüssige Experimente, welche den Magnetsinn von Zugvögel belegten. Dennoch wurde Wiltschko lange Zeit von Kollegen verlacht und angefeindet, bis seine Theorie nach und nach anerkannt wurde, unter anderem durch eine Veröffentlichung in der Wissenschaftszeitschrift „Science“ im Jahr 1972.

Seitdem konnte bei einer Vielzahl von Tieren ein Magnetsinn nachgewiesen werden - unter anderem bei Fischen, Termiten, Ameisen und eben Bienen.

„Das Problem mit diesem Themenkreis besteht darin, dass man schnell in den Ruch eines Esoterikers kommt“, sagt auch Jürgen Tautz. Doch angenommen, seine Hypothese würde sich bestätigen, dass Bienen wetterfühlig auf Sonnenstürme reagieren, dann könnte das vielleicht bei der Bekämpfung des Bienensterbens helfen.

Imker könnten in Zukunft am Computer mit Hilfe von Satelliten das Weltraumwetter verfolgen. Und im Falle eines drohenden Sonnensturms einfach schnell die Bienenstöcke für ein paar Tage verschließen, um wertvolle Bienenleben zu retten.

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