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Strahlungswerte hier gelten aus Sicht der japanischen Behörden als unproblematisch

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Baku, 23. Juli, AZERTAC

In der Nähe der Atomruine Fukushima will ein Twitter-User mutierte Gänseblümchen fotografiert haben. Nun rätselt das Netz, ob radioaktive Strahlung schuld ist.

Auch viereinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe in Fukushima ist die Situation in der Region noch immer weit von der Normalität entfernt. Die Aufräumarbeiten in der Atomruine werden noch Jahrzehnte andauern. Manche Gemeinden sind trotz aufwendiger Säuberung so stark verstrahlt, dass Umweltschützer vor der Rückkehr der Bewohner warnen.

Nun macht auf Twitter ein Foto die Runde, das für manche ein weiterer Beleg für die Gefahr zu sein scheint, die von der Reaktorruine ausgeht: Hochgeladen wurde das Bild am 27. Mai - und zu sehen sind mutierte Gänseblümchen. Die Pflanzen will ein User in der Stadt Nasushiobara fotografiert haben. Die liegt rund hundert Kilometer vom Reaktor entfernt, in südwestlicher Richtung. Die Strahlungswerte hier gelten aus Sicht der japanischen Behörden als unproblematisch.

Immer wieder sorgen Fotos angeblich oder tatsächlich mutierter Pflanzen und Tiere aus der Umgebung von Fukushima für Aufsehen. Belastbare Schlussfolgerungen ließen sich daraus nicht ziehen. Doch sind nun womöglich die Gänseblümchen ein Beleg dafür, dass etwas nicht stimmt in Nasushiobara oder anderen Orten der Region? Tragen strahlende Partikel aus der Atomruine Schuld an den Mutationen?

Zu sehen ist ein Phänomen, das Biologen als Verbänderung oder Fasziation bezeichnen. Nachgewiesen wurde es bei mehr als hundert Pflanzenarten. „So etwas kommt immer wieder vor, das sind normale Mutationen“, sagt Biologe Ingolf Kühn von der Martin-Luther-Universität in Halle. Vergleichsweise häufig tritt die Verbänderung zum Beispiel beim Fingerhut oder beim Löwenzahn auf. In der freien Natur ist die Mutation nicht vererblich, nur bei einigen Arten von Zierpflanzen wird sie durch die Zucht erhalten.

Die Verbänderung kann als spontane Mutation auftreten, gewissermaßen als Laune der Natur. Schuld daran können aber auch bestimmte Pilze, Milben, Viren oder Bakterien sein - oder radioaktive Strahlung. Bei betroffenen Pflanzen verändert sich die Spitze des Sprosses. Sie ist normalerweise punktförmig, doch durch die Mutation wird sie verbreitert, so entstehen die entstellten Formen.

Dass Strahlung für die wundersamen Gänseblümchen von Nasushiobara verantwortlich ist, lässt sich nicht gänzlich ausschließen. Doch falls dem so wäre, könnten durchaus auch die UV-Strahlen der Sonne schuld sein. „Wenn das nur Einzelfunde sind, sagt das gar nichts“, sagt Wissenschaftler Kühn. Nur wenn sich nachweisen ließe, dass die Veränderungen an Pflanzen rund um Fukushima häufiger vorkämen als in anderen Teilen der Welt, ließen sich daraus Schlüsse ziehen.

In einem ganz anderen Teil der Welt freute man sich zum Beispiel erst vor Kurzem über ein mutiertes Gänseblümchen. Als im April im niedersächsischen Westerstede eine Pflanze mit gleich achtfach verlängertem Blütenkopf zu sehen war, gab es sogar in der lokalen Zeitung eine freudige Notiz.

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