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Stromversorger leiden seit Fukushima unter hohen Verlusten

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Baku, 11. März, AZERTAC

Fünf Jahre nach der Jahrhundertkatastrophe von Fukushima treibt Japan den nuklearen Neustart voran. Die Atomlobby gibt sich wieder selbstbewusst, musste nun aber einen überraschenden Rückschlag hinnehmen.

Eigentlich sollte es ein triumphaler Moment werden. Der Betreiber des Reaktors Takahama 4 in Westjapan hatte eigens das Fernsehen in den Kontrollraum der Anlage geladen. Doch kurz nachdem die Techniker den Reaktor ans Stromnetz genommen hatten, schrillte ein Alarm - und vor laufenden Kameras schaltete der Reaktor sich ab.

Die Panne, die sich Ende Februar ereignete, war nicht die erste, die Japans nuklearen Neustart überschattet: Kurz zuvor war in derselben Anlage radioaktiv verseuchtes Wasser ausgetreten. Mindestens eine Schraube eines Ventils saß zu locker. Für den jüngsten Störfall sucht der Betreiber indes noch nach Erklärungen - bis auf Weiteres soll Takahama 4 daher stillstehen.

Die Pause könnte gar länger währen. Denn am Mittwoch ordnete ein Gericht in der Nachbarpräfektur Shiga überraschend an, dass Takahama 4 sowie ein weiterer, bereits laufender Reaktor der Anlage abgeschaltet werden müssen. Damit ging das Gericht auf eine Klage von Bürgern ein, die die Sicherheit des Kernkraftwerks bezweifeln.

Der Gerichtsentscheid zum AKW Takahama ist ein Rückschlag für Japans Atombosse und kommt äußerst ungelegen. Denn sie möchten eigentlich so schnell wie möglich weitere Kernkraftwerke wieder hochfahren, die nach dem Desaster von Fukushima zeitweise abgeschaltet worden waren.

Nun fragen sich die Atombosse: Liegt die Zukunft ihrer Meiler in der Hand von ein paar Provinzgerichten? Und können die Betreiber mögliche zusätzliche Sicherheitsanforderungen zügig umsetzen? Von insgesamt 48 noch betriebsbereiten Reaktoren liefern nach der nun verfügten Reaktorabschaltung erst zwei Anlagen wieder Strom.

Umfragen zufolge lehnt die Mehrheit der Japaner den nuklearen Neustart ab. Doch fünf Jahre nach der dreifachen Kernschmelze von Fukushima zeigt die Atomlobby keine Reue. Aus dem Jahrhundert-Desaster hat sie wenig gelernt.

Stattdessen setzten die Stromkonzerne offenbar auf die Vergesslichkeit der Landsleute - und auf finanzielle Anreize: Demnächst werde man die Strompreise senken können, verhieß Makoto Yagi, der Präsident von Kansai Electric Power, das das Kernkraftwerk Takahama betreibt, mit Blick auf den atomaren Neustart.

Tatsächlich leiden die Stromversorger seit Fukushima unter hohen Verlusten, denn den Atomstrom mussten sie überwiegend durch herkömmliche Wärmekraftwerke ersetzen. Und die werden meist mit teuer importiertem Öl oder Gas betrieben. Doch seit dem GAU von Fukushima, der Zehntausende Japaner aus ihrer Heimat vertrieb, weiß die Inselnation, dass sie für Strom aus Kernenergie letztlich einen noch höheren Preis bezahlen muss.

Umso mehr erstaunt die Hartnäckigkeit, mit der Nippons "Reaktor-Dorf" - so nennen die Japaner den mächtigen heimischen Klüngel aus Atombossen, Politikern, Bürokraten, Professoren und Journalisten - an der Kernkraft festhält.

Gewiss, einige Lehren hat Japan durchaus gezogen aus Fukushima: Langfristig will es nur noch ein Fünftel des Stroms aus Kernenergie erzeugen. Vor dem Reaktor-Desaster betrug der Anteil dagegen knapp 30 Prozent.

Eine gestärkte Nuklearaufsicht prüft Betriebsgenehmigungen für Reaktoren mittlerweile gründlicher. Einigen Anlagen, wie dem Reaktor Shiga 1 in Westjapan, droht gar das endgültige Aus, weil sie möglicherweise über geologischen Verwerfungen errichtet wurden - das sind tektonische Brüche, die durch frühere Erdbeben entstanden.

Mehrere Anlagen wurden mit höheren Flutmauern gegen Tsunamis ausgestattet. Im Kernkraftwerk Sendai auf der südlichen Hauptinsel Kyushu wurden Bulldozer stationiert, um bei einem Erdbeben schneller Schutt und Geröll aus dem Weg räumen zu können.

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