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Tiefseelebewesen erhöhten Artenvielfalt der Meere

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Baku, den 21. Mai (AZERTAG). Die Lebewesen der Tiefsee sind im flachen Ozean entstanden, glaubten Forscher. Nun zeigen Fossilien aus Österreich das Gegenteil. Offenbar haben viele Tierfamilien ihren Ursprung in der Tiefsee - und bereicherten das seichtere Schelfwasser mit neuer Vielfalt.

Eisige Temperaturen, kein Licht, keine Pflanzen - obwohl die Bedingungen ungemütlich erscheinen, gehört die Tiefsee zu den artenreichsten Gebieten des Planeten. Wie sich das Leben in den Tiefen der Ozeane im Laufe der Jahrmillionen entwickelte, ist allerdings nicht abschließend geklärt. Fossilien, die Forscher nun in den Alpen bei Salzburg entdeckt haben, zeigen, dass Tiefseelebewesen deutlich zur Artenvielfalt in den Ozeanen beigetragen haben - auch in flachen Gewässern.

In der Glasenbachklamm im österreichischen Salzburg fanden Wissenschaftler die Überreste von 68 verschiedenen Tiefseeorganismen aus der Zeit der Dinosaurier vor 180 Millionen Jahren. „Durch Plattentektonik wurden die Ablagerungen des damaligen Ozeans im Laufe von Jahrmillionen zu einem Gebirge aufgefaltet. So bieten die Alpen einmalige Einblicke in längst ausgestorbene Ökosysteme, selbst aus großen Meerestiefen“, erklärt Ben Thuy vom Naturhistorischen Museum in Luxemburg.

Tiefseefossilien sind selten. Deshalb war bislang nicht klar, ob die Tiere, die heute in der Tiefsee leben, lebende Fossilien sind, die sich seit Millionen von Jahren nicht weiterentwickelt haben. Oder ob sich in der Tiefsee vor allem Lebewesen herumtreiben, die aus flachen Gewässern eingewandert sind, nachdem die Lebewesen der Tiefsee zwischenzeitlich immer wieder ausgestorben waren. Biologen tendierten zuletzt zur zweiten Variante. Nun zeigt sich: Sie könnten unrecht haben.

Platz in der Tiefsee schützt vorm Aussterben - Unter den neu entdeckten Fossilien befinden sich Seesterne, Seeigel, Schnecken und sogenannte Armfüßer, die bis heute in der Tiefsee häufig und artenreich sind. Thuy und Kollegen verglichen die Fundstücke mit heute lebenden verwandten Arten. Etliche der Fossilien seien die ältesten bekannten Vertreter ihrer Familien - und älter als ihre Verwandten aus Ablagerungen von küstennahen Schelfmeeren, berichten die Forscher in den „Proceedings of the Royal Society B“.

Daraus lasse sich schließen, dass die Tiergruppen in der Tiefsee entstanden und nicht, wie bisher vermutet, aus dem Flachwasser in die Tiefsee abgewandert sind. „Offenbar wurden die Bewohner der Tiefsee doch nicht periodisch durch neue Lebewesen ersetzt“, fasst Thuy zusammen. Stattdessen handele es sich um einen vergleichsweise alten Lebensraum, der sich trotzdem immer wieder verändert hat.

„Wir haben erstmals gezeigt, dass Tiergruppen ihren Ursprung in der Tiefsee haben können, sich ins Schelfwasser ausbreiten und weiter in der Tiefsee überleben, wenn sie in flachen Gewässern ausgestorben sind“, schreiben die Forscher. Zahlreiche der jetzt in den Alpen gefundenen Organismen kennt man seit Jahrmillionen nur noch aus Tiefseeablagerungen, aber nicht aus Flachmeerablagerungen.

Das zeige auch, dass die Lebewesen, die in der Tiefsee entstanden sind, bessere Chancen haben, langfristig zu überleben. Das Phänomen führen die Forscher auf die Größe des Lebensraums zurück. Die Tiefsee macht den Großteil der Erdoberfläche aus. In diesem Ökosystem könne sich eine Vielzahl von Arten entwickeln. „Unsere Studie weist darauf hin, dass Lebewesen aus dem Flachwasser in die Tiefsee gewandert sind - und umgekehrt“, sagt Thuy. Umso wichtiger sei es, den Lebensraum vor der Verwüstung mit Schleppnetzen oder Tiefseebohrungen zu schützen. „Man muss das Ökosystem Ozean stärker als großes Ganzes betrachten.“

 

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