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UN beschwören die demografische Dividende

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Baku, 18. November, AZERTAG

Die Website der Stiftung Weltbevölkerung beherbergt ein interaktives Tool, mit dem man berechnen kann, der wievielte Mensch man auf Erden ist. Der 3,6-Milliardste im Falle der Autorin. Der 7,27-Milliardste im Falle des gerade Neugeborenen. Eine Verdopplung fast, in 45 Jahren. Und die Bevölkerungsuhr rattert weiter, in jedem Bruchteil einer Sekunde wird irgendwo auf der Welt ein Kind geboren, manche in Reichtum, die allermeisten in Armut hinein.

Und sie formieren eine gewaltige Jugendbewegung. Schon heute ist jeder vierte Mensch auf der Welt zwischen zehn und 24 Jahre alt, das sind 1,8 Milliarden Menschen, so viele, wie Anfang des letzten Jahrhunderts überhaupt auf der Welt lebten. 89 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern. Das sind die nackten Zahlen des Weltbevölkerungsberichts, präsentiert vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA). Bis 2050 wird sich die Zahl junger Menschen weltweit voraussichtlich auf zwei Milliarden erhöhen. In den am wenigsten entwickelten Ländern stellen die 10- bis 24-Jährigen ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Was folgt daraus? Schlittert unser Globus immer weiter in die demografische Katastrophe? Oder erwächst aus der ungeheuren Zahl der jungen Menschen die Chance, eine bessere Zukunft zu schaffen? Babatunde Osotimehin, Chef der UNFPA, hat sich für den optimistischen Blick auf die Zahlen entschieden. "Der Rekord von 1,8 Milliarden jungen Menschen bedeutet eine gewaltige Gelegenheit, um die Zukunft zu gestalten“, sagt der Nigerianer Osotimehin. „Junge Leute sind die Erfinder, Schöpfer, Erbauer und Lenker der Zukunft. Aber sie können nur gestalten, wenn sie Ausbildung, Gesundheit und Entscheidungsfreiheit haben.“

Nur gut ausgebildete Menschen, die Zugang zu Verhütungsmitteln und einem Gesundheitssystem haben, das ihnen die Chance bietet, ihre Kinder auch gesund großzuziehen, werden sich entscheiden können, auch mit weniger Kindern ein erfülltes Leben zu führen. Und dann, ja dann, kann ein Land, das deutlich mehr junge Menschen hat als Kinder und alte Menschen, auch seine „demografische Dividende realisieren“ – mehr sparen, mehr investieren, die Wirtschaft ankurbeln.

Südkorea etwa sei das in den vergangenen Jahren musterhaft gelungen, aber auch Indonesien, dem Iran, Bangladesch, sagt Michael Herrmann, Senior-Berater beim UN-Bevölkerungsfonds. Die Forscher sind sich sicher: Die Länder, denen es gelingt, jetzt die Bedürfnisse von Jugendlichen zu berücksichtigen, werden bis zur zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts in einer weitaus besseren Lage sein als heute. Sie werden über eine besser gebildete und gesündere Bevölkerung und mehr produktive Arbeitskräfte verfügen. Ihre Wirtschaft wird wachsen und ihre Fertilitätsraten werden sinken.

Junge Menschen repräsentieren die Zukunft. Aber damit sie das können, müssen wir in Vorleistung treten und auch in junge Menschen investieren. Bei Humankapitalinvestitionen nur an Bildung und Ausbildung zu denken, sei allerdings „viel zu limitiert“. Mindestens ebenso wichtig seien sexuelle und reproduktive Gesundheit, also der Zugang zu Verhütungsmitteln und der Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV – und die Stärkung von Mädchen und Frauen.

Nur wenn es gelingt, dass Mädchen und Frauen frei über ihr Leben bestimmen können, gibt es die Chance auf eine demografische Wende. Mutmaßlich im Jahr 2100, so Herrmann, könne das Wachstum der Weltbevölkerung dann bei etwa zehn Milliarden Menschen seinen Höhepunkt erreichen. Bekomme auch nur jede zweite Frau ein Kind mehr, wären es schon 17 Milliarden. „Das zeigt, dass die Politik, die wir heute machen, einen riesigen Unterschied für die Zukunft macht.“

Die Zahlen beweisen, dass gerade die Situation der jungen Mädchen derzeit in vielen Teilen der Welt noch äußerst prekär ist. Jeden Tag (!) werden 39.000 Mädchen bereits im Kindesalter verheiratet, Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt sind die zweithäufigste Todesursache bei jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren. Nur 22 Prozent aller heranwachsenden Mädchen haben Zugang zu Verhütungsmitteln, 2,5 Millionen unterziehen sich jedes Jahr einer unsicheren Abtreibung.

Und auch Aids bleibt ein riesiges Problem: Jede siebte HIV-Infektion erfolgt im Alter zwischen zehn und 19 Jahren, mehr als zwei Millionen Heranwachsende sind bereits mit dem Virus infiziert. Der Zugang zu Schulbildung hat sich seit 1999 gravierend verbessert, ist aber längst noch nicht überall Standard. 57 Millionen Kinder besuchen keine Grundschule, 64 Millionen keine weiterführende Schule, ein Drittel davon lebt in Afrika jenseits der Sahara.

Ziel der Politik müsse es deshalb sein, die 2015 auslaufenden UN-Millenniumsziele für Entwicklung durch eine neue Post-2015-Agenda fortzuschreiben. 2015 wird zu einem Jahr, in dem wir Zukunft gestalten müssen.

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